Tranches de vie III

Ein neuer Tag, der belichtet werden will, auf einem Freigang bei frühsommerlichen Temperaturen. – Kurzes Erschrecken angesichts eines Plakates der „Fußpflege Dorn“, auf dem verhornte, rissige Haut an Fußzehen zu sehen ist. Ob ich mir wohl auch schon solche „SchRunden“ gelaufen habe? – Fetzen grellgelber Schaumwolle lenken meine Sinne in eine andere Richtung, ein Farbtupfer, leuchtend in einem Gebüsch, aus dem eine Ratte auftaucht. Mitten auf dem Weg hält sie an,  schaut sich um und verschwindet dann bei meiner ersten Bewegung im Geäst. – Etwas später unterläuft mir ein Verleser: Hodenbeläge statt Bodenbeläge. Mit Folgen, denn schon dichte ich „Tragbar“ in „Oben ohne TragBar“ und „Bazar“ in „Balzbar“ um. Ich fühle mich gut betreut von meinen Fantasien, und es kommt mir das Traumbild von heute Morgen in den Sinn: Ein praller Po, auf dem ein Schmetterling sitzt, lautlos flatternd. – Ein Golf, der widerrechtlich parkt, lässt einen Greis laut werden. Er macht die Sünderin mittleren Alters auf das Halteverbot aufmerksam, diese wehrt ab und sagt unwirsch: „Ich weiß. Ich möchte jetzt aber nicht groß rumparken.“ Kopfschüttelnd und fluchend zieht der alte Mann weiter. Felix domina, Miezen ohne Maß. – Ich durchstoße eine Menschentraube, in der fremdländisch gesprochen wird. Momentweise komme ich mir selbst abhanden, fühle mich wie in eine mit unverständlichen Lauten gefüllte Sprechblase versetzt. – Ein braungebrannter Jugendlicher stört mich auf, indem er meinen Arm streift. Eine Kippe im Mund und je eine hinter den Ohren, dazu ein Goldkettchen mit Kreuz-Anhänger um den Hals. Eine Tattergreisin zittert hinter ihm offenen Mundes an einer Mauer entlang, auf der eine junge Frau mit Damenbart sitzt, die jemandem ihre Unpässlichkeiten am Handy erläutert. Drei Politessen kommen mir im Gleichschritt entgegen. Ich mache ihnen Platz und höre noch länger das Klappern der Handschellen an ihren wogenden Speckhüften. – An einer Ampel lese ich den freundlichen Hinweis: „Nicht Arbeiten ohne Sonderanweisung.“ Könnte auch als Tageslosung auf einem Abrisskalender stehen. Neben mir wartet ein alter Mann mit zerzaustem Haarkranz und leicht verwahrloster Kleidung. Er kaut unentwegt, so dass die Worte, die er ins Leere murmelt, unverständlich bleiben. Ich beobachte ihn ein wenig, bis er unbehelligt die Straße überquert und in die Schankwirtschaft „Alltheklich“ einkehrt, vor der durchsichtige Plastikfolien in der Sonne glänzen. – Eine ältere Kostümfrau quert meine Blickachse, mit einem Busen, so groß, so spitz, so stehend wie ein Zeltdach. Eine Schattenspenderin für müde Geher. – Auf einer Bank sitzend höre ich dem Brummen der Kehrmaschinen zu. Dabei kommt mir der Gedanke an Um-Kehrmaschinen, die helfen könnten, Lebensentscheidungen emotionslos zu revidieren. Doch wer sollte sie programmieren? Ich tagträume mal wieder von Ausnahmen zu meinem Regelleben. Selbst ein „Gebraucht-Paradies“ fördert solche augenblicklichen Fluchtfantasien, wie jeder Gang vor die Tür, jede neue Runde, solange die Füße mich tragen.

Dieser Beitrag wurde unter Texte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Tranches de vie III

  1. Uwe sagt:

    Danke für die gemäßigt positive Reaktion. Ich will mir gerne auch mal die „Haut“ ansehen. Vielleicht kommt man ja ins Gespräch. LG, Uwe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.