Tranches de vie XVII oder: Die Idioten des Trottoirs

DADA zum Hundertsten

In einem Buch wäre er als kuriose Randfigur eine Bereicherung des Personals, aber jenseits der Illusion ist er eine Zumutung, dieser schwankende Bulle hier, dessen Alkoholfahne meine Nase kitzelt. Die Jacke starrt vor Schweiß und Schmutz, die Haare stehen zerzaust vom Kopf, der auch noch bedrohlich wackelt. In der einen Hand trägt er eine Tasche, in der Flaschen klimpern, die andere fuchtelt mit unsichtbaren Gegnern. Die Laute, die er ausposaunt, hallen von den Hauswänden wider: schampa wulla wussa ólobo. Sein massiger Körper taumelt so heftig, dass ein Überholen unmöglich ist. Alle weichen aus, niemand bietet Hilfe an, auch nicht, als er sich völlig überraschungsfrei kusagauma ba – umf erbrechen muss. Ein kleiner Ärger steigt in mir auf, sammelt sich in meiner Kehle und ich versuche, diesen Riesen zu passieren. Plötzlich tritt mir jemand entgegen. Schnell verscharre ich meinen Unmut hinter einem Lächeln, denn es ist ein schlichtes Mädchen im Alltagskleid, hoffnungsvoll jung, ein Rohling noch, mit grünen Augen und unverbrauchtem Gesicht, gerahmt von einer rotweinroten Mähne. Selbst das Licht bemüht sich, seine schwirrende Schönheit erschöpfend auszuleuchten. Doch der Wildfang spottet jedem meiner 27 Sinne, bleibt ein lupenreines Versprechen. Kein Vergleich hält ihm stand, alle Sätze fegen den Zauber nur hinweg. Ich ziehe den Kürzeren und verzichte auf jede Annäherung, in der Hoffnung, mir dadurch diese Nienie zu erhalten, und pendle weiter, den Blick zum blanken Himmel gerichtet, wo eine Wolkenkarawane durch ein randlos offenes Blau zieht. Aber das gehört beiläufig nicht hierher! Wenig später stoße ich auf einen alten Mann und ich denke mir, ein jeder sollte zuweilen seinen Einflüsterungen aus dem Nebenher folgen, so wie dieser es tut. Er lehnt sich aus einem Fenster im Parterre und ködert die Vorübergehenden mit lyrischen Brocken, auf die zu reagieren niemandem einfällt. Ich habe ihn schon öfter gesehen, wie er seine blanken Unterarme auf ein dreckiges Kissen legt und die Straße mustert. Bisweilen schleicht er im ärmellosen Feinripphemd mit dem Rollator zum Tante-Emma-Laden, um sich alkoholischen Nachschub zu besorgen und dann wieder zurückzukehren ans Fenster, wo er halbe Ewigkeiten verweilt, dabei seine Biere trinkt und die Mahlzeiten einnimmt, um das flüchtige Glück eines Fernverkehrs mit einem Passanten zu erhaschen, einem wie mir, der ich gerne stehen bleibe, ihn ermuntere und seinen akustischen Lockspeisen lausche, die, von keinem Sinn bedroht, unerhört im Luftraum schweben: Ich bin der lange Lebenslang / der zwölfte Sinn im Eierstock / der insgesamte Augustin / im lichten Zelluloserock. Solche freimütigen Selbstauskünfte vermerke ich gerne in meiner Kladde und streife mit einem beredten Schwung weiter, der mich um die Ecke bringt, wo ich derart versetzt werde, dass mir Hören und Sehen vergeht und ich nur ertasten kann, was vor mir liegt: eine riesige Kugel aus weichen Federn, so scheint mir, bei jeder Berührung gibt sie Lücken frei, die sich dann sogleich wieder schließen und eine flexible Form für meinen Körper bilden, der sich immer tiefer hinein begibt und mit einem zärtlichen Ansturm all seiner Glieder schlussendlich in einem passgenauen Futteral landet, dass ich als jene Station dieser Tour deute, wo es, bar jeden Kummers, ein Weilchen zu träumen gilt. Schon irre ich unter einem schauerlich tief hängenden Himmel durch reich bewaldete Hügel, mit der Genugtuung, mich angemessen zu verausgaben, gerate mitten in eine Menschenmenge, die mich wie die bergende Dunkelheit einer Höhle umfängt, von deren Decke es auf meine Brust tröpfelt. Ich versuche die Flüssigkeit aufzufangen, mit Löschpapier, auf dem Spurenreste von Gesichtern als Wasserzeichen durchschimmern. Geräusche drängen von Ferne herein, Stimmen, Motoren, Sirenen. Hinter der roten Wand meiner Lider höre ich jemanden ein Gedicht rezitieren, von dem sich eine Zeile bei mir einhakt: Seit es in manchen Nächten rote Ringe sprengt einher ist jede Hoffnung auf den Sinn der Stunde faul. Die Kugel beginnt, sich aufzulösen. Federn segeln vor mir auf den Boden, schwimmen auf kleinen Rinnsalen am Bordsteinrand davon. Ich wische mir den Traum aus den Augenwinkeln, trete beiseite und horche, doch die Stimme ist verstummt. Aber mir ist der Sätzling geblieben, den ich in den Buchstabenhumus dieses Notats einpflanze, wohlwissend, ihn nicht enträtseln, sondern nur überliefern zu können. Ach, was ist das für eine herrliche Runde, auf der Wiedergänger erscheinen, die mir, dem Säumer vor dem Herrenklo, mit ihren Auslassungen die Gedankenblase füllen. Ich sehe mich um – in meinem Kopf: Keiner kreuzt mehr meinen Weg, niemandem verlangt es nach Erwähnung, und so mache ich jetzt Schluss und freue mich über alles, was mir beim Schreiben untergekommen ist.

Dieser Beitrag wurde unter Texte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Tranches de vie XVII oder: Die Idioten des Trottoirs

  1. walter sagt:

    Herrlicher Text, wunderbar Dada!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.