Mood de jour VIII

Mood de jour VIIIDer Schlüssel, den DU mir überlassen hast, will nicht passen, und selbst der Dietrich nicht, den ich heute auf der Zugtoilette fand und den ich an mich nahm. Man kann ja nie wissen wofür und zu welchem Ende man Dinge findet. Doch auch dieser stochert nur im Loch herum. Ich wäre gerne vor dir da gewesen, das Schloss aber bleibt zu, und so mache ich es mir vor der Tür bequem und warte … auf dich und alles, was eintreten mag. Es herrscht wenig Verkehr und nur manchmal tauchen Passanten auf. Hie und da höre ich Taubenrufe, sehe schwänzelnden Hunden zu, die ihr Revier markieren und beneide die Flugkünste der Schwalben. Dann nähert sich mir ein Herr mit Hut, dessen Parfümwolke mich derart mit Frische einhüllt, dass ich mir wünsche, deren Duftnoten vertonen zu können. Bald darauf kommt ein junger Mann vorbei, der gut vernehmliche – und mir bestens bekannte – Verse rezitiert, die wie ein Funkenflug aus Worten seine Begleiterin umschwirren: Ich möchte, dass mich / dein Haar mit Landkarten / neuer Orte bedeckt, / damit überall, wo ich / hinkomme, alles so schön ist / wie dein Haar. Was für ein Glück, hier zu Verweilen, denn so entgeht mir der Augenblick nicht, in dem die angedichtete Frau ihr hüftlanges Haar um den Hals des Poeten legt, so dass sie als Paar im Gleichschritt ihrer Wünsche ausschreiten können, nicht ohne mir zuvor noch ein Geldstück zuzuwerfen, wodurch ich ins Stutzen gerate: Erkennt man mich wirklich sofort als einen Streuner, auf den man nicht anders als mit milden Gaben reagiert? Bloß weil ich vor einer Tür sitze, bisweilen den Kopf in den Nacken lege und der Ereignisse und Worte harre, die da kommen mögen? Kaum zu glauben, dieses kleine Quantum Nichtsnutzigkeit qualifiziert mich schon zum Empfänger von Almosen. Dabei warte ich doch nur vor deiner Wohnung, in der sich das Zimmer mit dem Bett befindet, auf dem zu liegen und von dem sanften Druck deiner Hände auf meiner Kopfhaut in den Halbschlaf massiert zu werden mir das feinste Vergnügen bereitet, das ich wieder und wieder erleben möchte, weshalb ich ja die Reise unternommen habe, um deine Stadt zu durchstreifen und bei dieser Schwelle schlussendlich anzulangen. Aber nichts rührt sich, die Tür bleibt zu und im Innern deiner Wohnung herrscht eine geradezu gespenstische Stille, und allmählich kommt mir auch der Langmut abhanden, mit dem ich dich herbeisehne, um endlich auf die andere Seite zu gelangen, wie früher, als wir manche Tage und ganze Nächte frei von allem … aber nein, ich kappe diesen Gedankenfaden hier, denn sonst steht mir die Bedürftigkeit doch noch ins Gesicht geschrieben, und so wende ich mich erneut der Straße zu, wo mir eine junge Frau auffällt. Während sie mich passiert, bemerke ich, dass sie ihre geflochtenen Haare wie einen Strick um den Hals geschlungen trägt, und gerade, als ich meine Augen abwenden will, streift ein kleiner Vogel ihre Wange, worauf sie kurz innehält und dann, ohne mir Beachtung zu schenken, völlig ungerührt weiter geht. Mein Lungern scheint sich nahtlos in die Kulisse eingefügt zu haben, denn niemand spendiert mir mehr einen Blick. Verlassen ruht die Szenerie in sich und es ist, als ob alle einer geheimen Verabredung gehorchen und Abstand halten, damit die Bühne frei wird für deinen Auftritt. Doch DU, wann wirst DU kommen?

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