Ausstellung ZustandsZone Hamburg „Being Blue“

 

ZustandsZone Being blueEröffnungsrede zur Ausstellung:

Being Blue. Eine Reise ins Blaue unseres Alltags

Fotografien von Uwe Heckmann

in der ZustandsZone am 8. 11. 2014

Hamburg, Königstraße 16

 

Being Blue – man weiß gar nicht, ob man dem Titel der Ausstellung heute Abend im englischen Wortsinne folgen möchte. Die Schrift draußen am Haus heißt uns entsprechend willkommen, und die in Endlosschleife spielende Musik von Miles Davis‘ Kultalbum „Kind of Blue“ tut ihren Teil dazu, uns hier – in dieser Zone – in den Zustand „Being Blue“ zu versetzen.

In Anlehnung an den Titel eines trashigen Films aus meiner (lang vergangenen) Jugend könnte man auch sagen: „Uwe macht blau“ – und zwar im Wortsinne. Denn was wir hier sehen, ist manchmal gar kein Blau, sondern „eigentlich“ zum Beispiel weiß wie Schnee, grau, schwarz, grün oder sogar rot. Erst Uwes Blick holt – oft durch natürliches oder künstliches Licht oder Farbkontraste – das Blau hervor und öffnet uns damit die Augen. Wir entdecken das Blau, wo wir es nicht vermuten und lassen uns von ihm in seinen Bann ziehen. Die beruhigende oder zur Flucht aus dem Alltag befreiende Wirkung der Farbe Blau färbt auf uns ab.

Die Fotos, die wir hier sehen, sind voller Poesie und Stille, aber im Sinne des Ausstellungstitels auch oft voll Melancholie und Einsamkeit. Nur in einem Bild gibt es ein lebendiges Wesen, ansonsten finden wir immer wieder „nature morte“, Stilleben der Vergänglichkeit, den Verfall in der Stadt, das Morbide im Urbanen. Aber Vergänglichkeit und Verfall bekommen in den Fotos von Uwe eine Schönheit, die der achtlose Spaziergänger nicht wahrnimmt. Uwe dagegen fängt die besonderen Augenblicke mit seiner Kamera auf seinen Bummelrunden ein, bannt für uns diesen Moment, für den wir im Alltag oft keinen Blick haben.

Im „aufmerksamen Schlendern“ kann man solche Dinge entdecken, und immer wieder regen mich seine Bilder dazu an, meinen Stechschritt zu mäßigen und bewusst zu schauen. In einer Stadt, in der an allen Ecken und Enden das Alte und Verfallene dem Neuen, Hippen und Hochglanzpolierten weichen muss, bricht er eine Lanze für die Dinge, die im Vergehen oder noch im Werden sind. Für Baustellen, auf denen die Arbeiter den Arbeitsmitteln das Feld überlassen haben. Für Dinge, die verpackt auf bessere Zeiten und ihre Stunde warten.

Aber auch in der Natur, im Wasser oder am Himmel, öffnet er uns die Augen für das Blau. Und verwirrt uns manchmal durch die Verfremdung in der Wahl des Ausschnitts: Ist das Wasser oder Himmel, der sich darin spiegelt? Fliegt der Falter am Himmel oder hat ihn das nasse Element in den sicheren Tod gezogen?

Dabei muss man bedenken, dass Uwe seine Bilder zwar mit einer hochwertigen Digitalkamera aufnimmt, sie aber gegen den Trend und die technischen Möglichkeiten später am Rechner nicht verändert oder als Ausschnitte aus großen Bildern abstrahiert. Sie sind nicht bearbeitet, sondern beobachtet. Das ist eine und das ist seine Kunst.

Natürlich schaut er mit einem durch die Kunstgeschichte geschärften Blick auf die Welt und wählt Ausschnitte, die man als Hommage an, Auseinandersetzung mit und Antwort auf Künstler wie Yves Klein, Mark Rothko und Bruce Naumann sehen kann. Der Farbfeldmalerei bzw. dem abstrakten Expressionismus und Uwes blauen Werken ist gemein, dass sie eine besondere Wirkung entfalten.

Nicht umsonst gibt es den – eigentlich anders gemeinten- Spruch „Blau ist keine Farbe, blau ist ein Zustand“. Das Blau entwickelt eine eigenartige Wirkung auf uns, zieht uns magisch an, bannt unseren Blick. Wir versinken im Blau, spüren die Tiefe der Farbfläche, das Vibrieren gegen andere Farben und im Zusammenhang mit Licht und werden ruhig.

In vielen Kulturen wie etwa bei den Maya oder Ägyptern ist Blau eine kultische oder die Königsfarbe. Mit dem Blau von Himmel und Wasser sind viele Schöpfungsmythen verbunden und Göttlichkeit, Ewigkeit, Unendlichkeit spricht aus ihr.

Heute finden wir Blau nicht nur häufig in der Werbung, etwa bei Aral oder Nivea oder „umweltfreundlichen“ Techniken bei Autos, sondern auch in Uniformen rund um den Globus bis hin zu den UN-Blauhelmen als eine Farbe, die Respekt und Macht einfordert und eindeutig erkennbar und einzuordnen ist.

Während die Blue Jeans vom Arbeitsdress der Cowboys zum Trendsetter in allen Schattierungen und Variationen wurde, ist der Blaumann auf dem Rückzug. Dabei war Blau über Jahrhunderte die Farbe der Kleidung, da man sie mit Hilfe von einheimischem Färberweid oder importiertem Indigo relativ leicht und günstig herstellen konnte. Der blaue Farbstoff musste nur aus der Pflanze mittels Sauerstoff, Sonnenlicht und Alkohol gelöst werden. Hartnäckig hielt sich die Überlieferung, dass der Alkohol noch besser wirke, wenn er durch männliche Körper gefiltert und durch die Harnröhre wieder ausgeschieden wurde. So war, vom Geruch vielleicht abgesehen, der Beruf des Färbers sehr angenehm: Bei Sonnenschein mit vom Arbeitgeber bereitgestellten Alkohol Pflanzen zu blauer Farbe zu verarbeiten und es mit Arbeitszeiten und anderen Dingen nicht ganz so genau zu nehmen. Viele im Deutschen benutzte Redewendungen mit dem Wort „blau“ beziehen sich auf diese Färber, deren Tätigkeit mit diesem Zustand quasi synonym war. So sind blau sein und blau machen, ins Blaue fahren, ins Blaue hinein sprechen und dergleichen mehr Ausdruck einer „arbeitsbedingten“ Freiheit und Ausgelassenheit.

Ganz anders im Englischen, wo es zwar den „blue collar worker“ gibt, ansonsten aber „blue“ gleichbedeutend mit melancholischer Stimmung ist. So verbinden Titel und Untertitel der Ausstellung diese beiden unterschiedlichen Bedeutungen und lassen uns eigenen Raum, die Bilder je nach eigener Stimmung, Erfahrung und eigenem Zustand zu erleben. Um das Goethe-Zitat an der Wand aufzunehmen: „Es ist etwas Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick.“

So laden mich Boot, Eis, Falter oder Mauer zu freier Assoziation ein, erinnern mich an Erlebnisse, lassen mich von einer Reise ins Blaue träumen. Folie und Fensterscheibe erscheinen mir dagegen geheimnisvoll – und die Schiffe geradezu gespenstisch, an Schauerromane erinnernd.

Die Schippe kann kontrovers im Sinne des Ausstellungstitels betrachtet werden: Als ultimativer Ausdruck einer Reise ins Blaue, bei der man alles stehen lässt und aufbricht. Oder als melancholische Meditation darüber, dass der Mensch durch die Maschine ersetzt und Handarbeit ebenso wenig gebraucht wird wie die Wand, an die die Schippe gelehnt ist. Gleichzeitig sehen wir hier im Verfall wieder einen ästhetisch sehr reizvollen Farbkontrast von Blau und Grün bzw. Gelb und eine Projektionsfläche für unsere Phantasie.

Der lakonisch-beschreibende Titel Blätter vor Wand der Einladungskarte hingegen ist für mich quasi die Côte d’Azur in Hamburg: Unterschiedliche Blautöne in Himmel, und Wand, der Schatten der Kastanienblätter, angeschnittene geometrische Flächen gegeneinander gestellt. Das ist nicht nur meisterhaft beobachtet und photographiert, es zeigt auch die Spannung zwischen Beschränkung und Versenkung und lädt mich ein, mich in diesen Zustand zu versetzen.

So genießen wir nun diese nicht mehr ganz so blaue Stunde – jeder auf seine Weise, aber im Bewusstsein: Blau ist nicht nur eine Farbe, sondern ein Zustand. Being Blue.

Viel Spaß dabei!

Katrin Plümpe M.A.

Die Ausstellung ist noch bis zum 8. Dezember 2014 in der ZustandsZone zu sehen. Mehr infos unter www.zustandszone.de .

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