Extemporalien in Dosen oder: Schreiben aufs Geratewohl

Ich saß coronahalber auf meinen vier Buchstaben und ging in meinem Kopf fremd. Dort erschienen mir Sätze, die sich unaufgefordert vermehrten. Ich gab ihnen Nummern und doste sie ein

Dosis V

41 Am Morgen: Begegnung der dritten Art mit dem Spiegel. Nein, das bin ich nicht, noch nicht, ich bin auf dem Weg dahin, aber noch bin ich unterwegs und nicht angekommen. Oder doch? Ich fühle, was ich sehe, und kann es doch nicht glauben. Wohin mit dem, was ich sehe? Nach draußen tragen, offen, unverstellt? Niemals, vielleicht

42 Nächstens fahre ich ab und zu in dich hinein, erst noch zur Probe, aber dann, um endlich mit Stumpf und Stiel in dir zu verschwinden

43 Vorbei das unverschämte Blau der letzten Tage, das Schweißbad für lau. Heute zeigt der Himmel kein Einsehen, bleibt grau verhangen. Kühl streicht der Wind um die Waden. Dumpfe Orgeltöne wabern durch die Luft. Keine Stimmen, nur Laute sind zu vernehmen. Eine Amsel singt auf dem First, immerhin, mit starkem Hall in den Straßen, und begleitet vom wilden Gezwitscher der Spatzen. Ich verharre auf dem Fleck. Horche, schaue, glaube zuletzt

44 Durch einen Fingersatz verstört zu werden bedarf es wenig mehr als einiger zärtlich angeschlagener Klavierakkorde von nebenan

45 Alles durchwühlt, keine Kerze gefunden, nur Akkus, zu denen die Geräte fehlen. Eine Wut befällt mich, aber ich lasse alles sein, um die Recherche nicht zu gefährden

46 Finsterer Tag, geeignet im Dunklen zu hausen wie in einem Gehäuse, für andere unsichtbar, und im Inneren herrscht eine unendliche Reichweite

47 In der Bar jeder Vernunft versuche ich, es mir gemütlich zu machen. Niemandem fällt auf, dass die Luft rein ist, als ich ihre Brüste sehe. Vergessen bietet nur das Tiwi: Match Point. In der Dunkelheit der Nacht tapse ich durch Gänge mit Wänden, aus denen feine Härchen wachsen, die mich erregen

48 Eben war mir, als sei ich du. Vor Schreck stockte mir der Atem. Wie kann ich du sein, wenn ich doch nicht will, was du musst. Zum Glück war es nur eine Täuschung, die wenige Sekunden anhielt. Aber sie raubte mir alle Kraft, und so legte ich mich hin und ruhte wieder in mir

49 Mir fallen die Augen raus. Ich höre sie auf den Boden kullern. Keiner hilft mir beim Suchen. Die Pendeluhr schlägt. Ich bin ganz Ohr, zähle die dunklen Stunden und werde ruhig dabei

50 Ich kenne ihn, den traurigen Alten von nebenan, der heute seine Zeit damit zu vertreiben versucht, das Auto in einer Lücke zu parken, bis der Sprit ausgeht und er beruhigt die Zündung abstellen und sich davon machen kann, hinein ins dunkle Treppenhaus, wo er die Stufen hinaufgeht bis zur Schwelle vor der blitzblanken Wohnungstür, hinter der er dann darauf wartet, dass seine bessere Hälfte kommt und ihn herzt

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