Faire son temps

An einer vielbefahrenen Straße steht ein altes Haus, dessen Zeit abgelaufen ist. Die Bewohner haben es verlassen, bei der Auflösung wurde Verwertbares entnommen, ein aufgegebener, nunmehr herrenloser Rest ist zurückgeblieben. Notdürftig verriegelt wurde es für den Abriss freigegeben, aber noch nicht mit Zäunen abgesperrt. Beim Stromern komme ich eines Tages vorbei, steige ein und mache Fotos von fast leeren Zimmern, die im Verfall begriffen sind. Die Räume zeigen jenseits der vertrauten Ordnung eines Heims nur noch beschädigtes Meublement, vorwiegend aus den 70er Jahren. Aus ihrem funktionalen Alltag gefallen, laden sie zugleich die Phantasie des Betrachters ein. Je länger man schaut, desto mehr schreitet die Fiktionalisierung durch die Einbildungskraft voran, die Geschichten an die noch verbliebenen, absichtslos verstreuten Hinterlassenschaften anknüpft. Jeder Raum ist eine offene Bühne, wom Zufall kuratiert: diverse Gegenstände, denen man nachforschen kann, Spuren, die man zu entziffern versucht, Details, an denen man haften bleibt. Es sind Stillleben mit wuchtigen Sesseln, zerstörten Schrankwänden und defekten Lampen, Tat-Orte mit zerfledderten Büchern, vergilbten Bildern und verdreckten Betten, Räume mit verwaisten Kleiderbügeln und blind werdenden Spiegeln, und vieles mehr, was eine Ahnung davon vermittelt, wie dieses Habitat einmal bewohnt wurde. Die verlassenen Räume sind voll von einem vergangenen, unsichtbaren sozialen Geschehen, das unsere eigenen Erwartungen und Wünsche, unsere Träume und Ideen vom Wohnen und Leben aufruft. Es setzt ein Changieren zwischen An- und Abwesenheit, ein Spiel der Illusionen ein, das Hier und Jetzt ist offen für persönliche Anschlüsse, das Vergangene des Ortes aber bleibt eine Leerstelle. Man kann die Stille inmitten der übrig gebliebenen Dinge sehen, die kurz vor dem endgültigen Verschwinden stehen, ein junk space, voller Dreck und Abfall, aber auch mit ’sprechenden‘ Dingen. Es sind Überbleibsel, die der Zerstörung anheim gegeben wurden, links liegen gelassene Dinge, wertlose, dadurch freigesetzte, aus ihren Verfügungen entlassene Dinge, alleingelassene, vergehende und daher mit Melancholie tangierte Dinge. Von ihren einstigen Gefühlsbindungen getrennt, von ihrer Praxis und Funktion befreit, führen sie ein Eigenleben, unabhängig und unbemerkt von Menschen, bis einer kommt und ihnen einen Blick schenkt und Bilder schafft, die gleichermaßen trivial und hintergründig erscheinen. Solche verfallenden Anwesen in der Stadt sind Schau-Plätze, an denen man sich durch erinnerndes und phantasierendes Betrachten ins Gedächtnis ruft, was sich wohl dort einmal abgespielt haben könnte. Mit etwas Glück nimmt das Rätseln kein Ende, selbst dann nicht, wenn die müden Augen sich schließen und der Betrachter im Dösen weiter der möglichen Vorgeschichte der Liegenschaft, nunmehr mit geschlossenen Lidern, nachsinnt. Nicht zuletzt führt der Blick in solch aufgelöste Räume zugleich in die Dunkelkammer in uns, wo sich Erwünschtes und Verwunschenes, Erlebtes und Versäumtes ablagern. Sinnverlorene Interieurs fordern mit ihren merkwürdig gestauten Zeitebenen dieses deutende Spiel der Projektion und Interpretation heraus und ermöglichen die Selbstbereicherung des Betrachters mit seinen inneren Texten, die sich zu den Fotos bilden. Diese sind das einzige, was ich aus dem Haus mitnehme. Zurück lasse ich meine Fußabdrücke auf den staubigen Böden. Einige Tage später sehe ich, dass der Abriss vollzogen wurde: Das Haus ist vollends verschwunden. Eine Grube und ein Haufen Steine zeugen von seiner einstigen Existenz, bis auch diese abtransportiert werden und das Loch mit dem Fundament eines Neubaus gefüllt wird.

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Faire son temps VII

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Faire son temps VI

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Faire son temps V

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Faire son temps IV

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Faire son temps III

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Faire son temps II

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Faire son temps I

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In den Pfützen liegt der Himmel

– ein Schritt nach vorn und ich stehe mittendrin, und die Wolken ziehen durch mich hindurch. Diese vergänglichen Überbleibsel des Regens öffnen den Boden, bilden vervielfältigende Flächen, die das Oben unten erscheinen lassen. Es ist eine blendende Verwirrung: Ich blicke in Spiegelbilder und falle in Abgründe, streune um die kleinen, flüchtigen Welten mit ihren glitzernden Lichtreflexen. Ein beiläufiges Geschenk. Selten, viel zu selten, springe ich hinein und lasse das Wasser spritzen, wie es Kinder gerne tun, die alles in das Theater ihres Alltags einbauen.

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November

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