Mood de jour XIII

Langsam werde ich wach, neben mir ruht die Schläferin wohlig in ihren warmen Laken. Ich stehe auf und schaue durchs Fenster in den anbrechenden Tag. Geduckt, aber voller Elan, schreiten auf der Straße einige Kirchgänger im Takt des Glockengeläuts zur Morgenandacht, wo sie mit anderen Gläubigen auf kalten Bänken ihre Hände falten werden. Ich wende mich um, und schon verschließt mir ein weiches Lippenpaar den Mund. Ich schmecke eine köstliche Schärfe, die mir den Atem nimmt. Unverzüglich segelst DU südwärts, wo die Lust mir ein kurzes Vergessen schenkt. All das wundert mich mehr, als ich hier zum Ausdruck bringen kann.

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About to cry

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Beschissen wär‘ geprahlt

H musste einen langen Schnitt über seinen Bauch erleiden, eine OP auf des Messers Schneide, sozusagen auf Leben und Tod, die ihn zwischenzeitlich derart betäubte, dass er gar nicht mehr die Intensiv-Station verlassen wollte, so entrückt von allem wie er dort vor sich hin liegen und dämmern konnte, weit weg vom Leben, dem eigenen und dem der anderen, weit weg vor allem von seinem Körper, diesem hinfälligen Wrack, das zu nichts mehr nutzte, das nur noch Last war, eine Last ohne Geist, ohne Mumm, wie er immer wieder seinem jeweiligen Gegenüber mit leisem Stimmchen mitteilte, von all dem lag er weit entfernt in seinem Bett und wurde umstandslos versorgt, so gut, dass er seinen depressiven Gram zu vergessen begann, bis eines Tages die medizinische Vorsehung bestimmte, ihn zu verlegen und er sich ein Zimmer mit einem Schnarcher vor dem Herrn teilen musste, was ihn sehr erzürnte, nicht aber bewog, schnellstmöglich zu gesunden, aufzustehen und die Krankenstatt zu verlassen, nein, im Gegenteil, nun, da er, allen Mophinen entzogen, des eigenen alten Körpers wieder ansichtig geworden war und ihn aufs neue nach allen Regeln des Selbsthasses zu negieren versuchte, gab er auf, blieb liegen, meckerte an allem herum, wurde aggressiv, ja geradezu renitent, fiel in seine Depre zurück, überließ ihr die Kontrolle, verfluchte die behandelnde Ärztin und misstraute allen und jedem, auch seinen Anverwandten, also uns, die es gut mit ihm meinten und die ihn zu mobilisieren versuchten, aber nein, nur nicht bewegen, das war seine Devise, lieber ruhen, keinen Muskel rühren, am besten im Dunkeln und hinter geschlossenen Türen, vom Lärm des Lebens getrennt, der ihn, wie er glaubte, nicht mehr betraf, ihn, den unleidlich Leidenden, der es nicht mehr schaffte, die Hürden zu nehmen, die Zügel anzuziehen, den Tag zu begehen, der es nicht mehr schaffte, sich selbst zu ertragen, dieses Häufchen Elend dämmerte fortan vor sich hin, verzagt und ohne jeden Wunsch nach einer Besserung, und auch die täglichen Besuche heiterten ihn nicht auf, vielmehr nutze er die leibliche Gegenwart seiner Lieben für ein Bad in Selbstmitleid, bei dem er immer wieder betonte, dass dies kein Leben und er vollends ein gebrochener Mann sei, auf den nur noch der EINE warte, bis es uns zu bunt wurde und wir ihn verließen, aber nur, um am nächsten Tag wieder aufzutauchen mit unserem unbeirrbaren Optimismus, doch es tat sich nichts, H machte nicht mit, er ließ sich und uns im Stich, verweigerte sich, verlor den Appetit, trank zu wenig, bekam Infusionen, die ihn wieder ans Bett ketteten, an seine von ihm herbei gesehnte Immobilität, zu unserem Leid- und seinem Freudwesen, wie angeschlagen an ein höchstpersönliches Kreuz wirkte er, die Hände beidseits des mageren Rumpfes abgelegt, die Beine schlaff und ohne Spannung, das Gesicht eingefallen, ohne Mimik und mit stierem Blick in eine Leere, von der wir Verschonten zugegebenermaßen nichts ahnen konnten, der wir folglich auch nichts entgegenzusetzen hatten, nur unseren Willen, sie noch nicht lebensbestimmend werden zu lassen, er aber hatte sich ergeben, schrumpfte zusammen, konnte kaum noch selbstständig gehen, bis eine neue Verordnung ihn traf und er, da klinisch nichts mehr zu tun war, abermals verlegt wurde, nun in die sogenannte Rehabilitation, wo er vitalisiert und wieder zu Kräften kommen soll, damit er selbständig und ohne fremde Hilfe wieder seinen Alltag bewältigen kann, aber wozu das alles, fragt er sich und uns, wozu sich aufraffen in ein Leben ohne Ziel, ohne Perspektive, ohne Sinn, ein Leben, das schon vor der OP nicht mehr das seine war, zumindest war er nicht mehr Herr seines Ich, das zunehmend schwand, alles wurde weniger, und nur die Dinge, die sich vor ihm bergehoch aufbauten und die ihm Angst machten, wurden mehr, eine Angst, die ihn lähmte, eine Angst, die nie schlief, so dass selbst das morgendliche Aufstehen aus dem Bett zu einer Mordsanstrengung wurde, die nicht selten kläglich scheiterte, wodurch er ganze Tage liegend verbrachte, wozu also diese Mobilisierung, was soll diese Reha für einen, der mit seinem Leben Tag für Tag nichts mehr anzufangen wusste und es auch jetzt nicht weiß, der zu nichts Lust hat, keinen Mumm, zu gar nichts, der in einer umfassenden Lebenssinnkrise feststeckt, in einer abgrundtiefen Depre, und die OP, die er zwar glücklich überstand, hat ihm nur noch einmal vor Augen geführt, wie nichtsnutzig und hinfällig sein Körper ist und dass er keinen Geist mehr hat, der es mit seiner leiblichen Verfassung aufnimmt, der ihr Paroli bietet, und so kann er nicht einmal mehr auf ein baldiges Ende hoffen, nein, das wäre schon ein Zuviel an Aktion, nein, er lässt, auch in der Reha einfach alles sein, ergibt sich dem langsamen Verfall, dem Schwinden seiner Muskeln und seines Fleisches, wehrt sich nicht, nimmt die Appetitlosigkeit hin, verliert zunehmend jegliche körperliche und seelische Spannkraft, mithin alles, was ihn sieben Jahrzehnte an-, fort- und weitergetrieben hat, und wird, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, in saft- und kraftloser Starre enden, im abschließenden Negativismus aller Glieder, und wir, die Angehörigen, die nächsten Verwandten, stehen ratlos vor dem Liegenden, der uns immer fremder wird in seiner Lebensunfähigkeit, wie auch wir in unserer unverminderten Lebenswilligkeit ihm ein ständiger Vorwurf werden, bis er die Augen schließen wird, sobald wir das Zimmer betreten, um unsere Anwesenheit nicht länger ertragen zu müssen, dann aber ist nicht mehr viel zu tun, weder von ihm noch von uns, dann bleibt nur noch ein unumkehrbarer Prozess des Auslaufens, ein Fade out, das Fait accompli des Todes, noch aber ist er in der Reha, noch ist eine Umkehr möglich, wenn es auch nur für ein verlängertes Absitzen seiner Lebenszeit reichen wird, denn mehr ist nicht drin in diesem Häufchen Elend, das mal mein Vater war und der seit Jahren schon sich selbst abhanden gekommen ist und nicht mehr die Kraft besitzt, sich erneut auf die Suche zu machen, die Reha aber ist noch nicht am Ende, hat erst begonnen, und so will ich diesen langen Satz deutungsoffen enden lassen …

PS
Nach einer Woche Reha: wechselnde Tagesformen, mal bemüht, mal renitent, zwischen den aktiven Zeiten, in denen er motiviert und angeleitet und unterstützt wird, herrschen immer wieder lange Liegephasen, daher ist das alles mit Vorsicht nur als leichte Verbesserung zu verstehen, denn hinter jedem Aufschwung lauert der Abgrund, das Loslassen, das noch verführerischer ist als die Anspannung, der Sog der Erschöpfung, und auch das Lächeln ist eher gequält, kann jederzeit ins Heulen umschlagen, trotzdem: Es gilt, den Blick nach vorne zu richten, wenn auch unklar ist, was ihn und uns dort erwartet.

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Godot

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Komplexe Reflexe VI

Captive

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Monolog eines Straßenfotografen

Täglich gehe ich unter Menschen umher, ich weiß nichts von ihnen, ich kenne sie nicht, sie sind für mich anonym. Ich nehme ihre Bewegung auf, halte dabei Abstand, um den rechten Standpunkt zu finden, sie mit meiner Kamera abzulichten. Ich will nur Zeuge sein, derjenige, der betrachtet und sich abseits hält, derjenige, der von einem Geschehen eine Spur bewahrt, folglich auch derjenige, den es nicht wirklich braucht, da sich alles auch ohne ihn abspielen würde. Doch es bliebe ohne mich nichts zurück, ich halte etwas fest in einer Aufnahme, die das Bild eines Moments zuallererst kreiert, indem sie eine Szene in Raum und Zeit isoliert, ohne Bezug zur vorangegangenen oder nachfolgenden, ein Stillstellen des alltäglichen Lebensflusses in einem Foto, das sich dem Auslösen eines Knopfes verdankt, einer mechanischen Apparatur. Hinter dieser halte ich mich bedeckt, als derjenige, der aufzeichnet und dabei war. Dem Abgelichteten stehe ich genauso fremd gegenüber wie jeder andere, der später dieses Bild betrachten und versuchen wird, den immerzu fliehenden Sinn aus dem Dargestellten herauszulesen. Das Foto zeigt nur, belegt, das etwas gewesen ist, überführt eine Gegenwart in eine Vergangenheit, zeigt Ansichten von Menschen, die im wörtlichen Sinne vorübergehend sind und die scheinbar nicht bemerken, dass ich sie fotografiere. Mich interessiert nur ihre Bewegung, ihr flüchtiges Gehen, ihr Passant-Sein, denn in ihm zeigen sich ihre fragilen oder robusten, lässigen oder angespannten, frischen oder müden Körper, die mir in die Falle gehen sollen und deren Existenz ich mit dem Foto bezeugen will. Deshalb folge ich ihnen wie ein Schatten, mit ihnen Schritt haltend, das Tempo variierend, damit immer die richtige Distanz bewahrt bleibt, jene Distanz, die es erlaubt, sie aufzunehmen auf ihrem Weg durch die Stadt, bevor sie verschwunden sind, bevor sie sich in der Ferne zu Punkten auflösen, von denen keine Spur zurückbleibt, nur Leere. Aber soweit kommt es nicht, denn ich bin hier, ich halte sie in einer Mischung aus Einzigartigkeit und Anonymität fest, in einem Foto, das auch ihre Zerbrechlichkeit, Flüchtigkeit als menschliche Wesen zeigt, die sich auf Nimmerwiedersehen entfernen würden, wäre ich ihnen nicht gefolgt und hätte ein Bild gemacht, das sie zeigt, ein Bild, das nichts erzählt, keine Geschichte, nirgends. Nie werden wir wissen, wer diese Menschen sind, kein Foto kann das erzählen, es sei denn, die Legende klärt darüber auf, die Beschriftung, der Text. Aber schöner ist es, sich die Geschichte zum Bild selber zu überlegen, jeder auf seine Art und jeder anders: Ein Foto ist umso reizvoller, je mehr es diese inneren Texte ermöglicht, die sich beim Betrachten des Fotos einstellen. Dies ist zumindest meine Absicht, wenn ich das Haus verlasse, mich den Straßen mit ihrem Menschenkino hingebe und aus der potentiell unendlichen Fülle ein paar wenige Stand-Bilder einfange, die es ohne meine Kamera nicht gäbe.

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Komplexe Reflexe V

SIGMA

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Komplexe Reflexe IV

M. C. Escher reloaded

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Komplexe Reflexe III

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Komplexe Reflexe II

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