Intermezzo VII

Hier auf dem fernen Eiland, wo man nicht mehr gesehen werden kann, auf dieser Insel Hier will er lesen und seinen Proviant auffüllen. Doch mit jeder Zeile nimmt sein Kummerspeck zu, und Gedankenblässe verschleiert ihm den Blick. Die Sätze werden zu Stolpersteinen. Kaum eine Erkenntnis massiert sein Denken, kein noch so kleines Lichtlein will ihm aufgehen, vielmehr gewinnen die Provinzen seines Nichtwissens an Raum. Es fügt sich alles Gelesene dem Bau einer Klagemauer ein, die ihn zuschlechterletzt immer mehr einengt. So endet seine Lektüre auf einem Holzweg, ratlos schaut er umher, doch kein Laut ist zu hören. Die letzten Silben verziehen sich hinter den Horizont, die Prozessionen der Buchstaben schleichen vorüber, der Dämmerung entgegen, und hinterlassen Worte, die wie Schnipsel von gezogenen Nieten verstreut auf dem Boden liegen. Wieder nur eine Nebelbank, auf der er sich mit einem Buch niedergelassen hat. Und so gibt er sich auf, erschöpft von der vergeblichen Suche nach den wenigen Trostkrumen, die ihn nähren sollten. Tränen netzen seine leeren Hände, müde fällt er zur Seite, liegt da und schläft ein, bis ihn jemand aufliest und zur Ruhe bettet, im günstigsten Fall, der jedoch nie eintreten wird.

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Intermezzo VI

Schritt für Schritt nähert er sich fremdem Gebiet. Dann steht er vor einem Backsteinhaus mit blutroten Klinkern. Das Namensschild an der Tür kündigt einen Puls von Trochel an. Er klopft, nichts rührt sich. Mit einem Dietrich knackt er das Schloss und stößt die Tür auf. Das Licht dringt schwach ein und er sieht Möbel wie ein unfertiges Puzzle in den Räumen stehen. Keine Geräusche sind zu hören, einzig ein Geraune von leisen Stimmen, eine Folge sinnfreier Silben, erreicht seine Ohren, und aus jeder Ritze der Dielen quillt Schmutz und Staub. Die Zimmer scheinen schon seit Jahren unbewohnt, aber woher kommen dann die Stimmen? Und was haben die Kreidestriche an den Wänden zu bedeuten, die ihm ins Auge fallen? Sind es die Stimmen der früheren Bewohner, die an den Wänden mit Strichen die Tage zählten, die sie dort verbracht haben, womöglich eingesperrt? Er kann sich keinen Reim darauf machen. Etwas Unausweichliches haftet an diesen Räumen, die ihm wie ein Archiv vorkommen: Jede Stimme, jedes Geräusch, jeder Schritt, jedes Verlangen der einstigen Bewohner scheint in ihnen durch Spuren, Zeichen, Tönen aufbewahrt. Ihn schwindelt und er muss sich loseisen. Während er durch einen dunklen Flur hinaus ins Freie läuft, sieht er lauter Striche vor seinen Augen und hört flüsternde Stimmen, bis er in seine Wohnung einkehrt und sich kaltes Wasser ins Gesicht spritzt. Zurück bleibt das dunkle Gefühl, von etwas Unbekanntem angerührt worden zu sein.

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Intermezzo V

Er ging so vor sich hin und schaute nach oben, dabei hoffte er auf einen verlässlich blauen Himmel und dachte noch, dass es schön wäre, wenn in ihm kleinere Haufenwolken treiben würden und ein milder Wind ihren Zug vorantreibe, er schaute also voller Zuversicht und im Vollbesitz seines Sehsinns nach oben … und erschrak: Das Bild des Himmels, das sich ihm zeigte, war unscharf, wie von einem Schleier verhüllt. Zunächst glaubte er, es läge an seinen Augen, rieb sie ein wenig und blickte wieder nach oben. Aber nein, die Unschärfe blieb. Es war, als ob ein feinmaschiges Netz gespannt worden war, das nun den Himmel bedeckte. Aber warum? Was sollte diese Vermummung? Schützte die Gaze ihn oder den Himmel? Und vor was eigentlich? Er trottete mit diesen unbeantworteten Fragen umher, bis eine Stimme in ihm tönte: Gott ist ein Maskenbildner. Sogleich wurde er von seinem eigenen Lachen geweckt. Ein Fremdeln blieb zurück. 

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Intermezzo IV

Er hat ein Problem in seiner Ehe: Seine Frau mag keinen Free-Jazz. Das ist eine richtige Schranke zwischen ihnen. Er beneidet alle Paare, die gemeinsam Free-Jazz so sehr lieben, dass sie keine Mühen scheuen, Konzerte zu besuchen und sich dieser Musik, dieser Explosion von Klängen und Beats hinzugeben. Er legt jeden Abend eine CD ein, aber schon nach einigen Sekunden ergreift seine Frau die Flucht. Ein Freund riet ihm, nicht immer die Konfrontation zu suchen und vielleicht erstmal mit Smooth-Jazz zu beginnen. Doch dazu fühlt er sich außer Stande. Entweder sie weitet ihre Gehörgänge oder er zieht aus und lässt sich scheiden. Er kann unmöglich mit einer Frau zusammenleben, die schreiend den Raum verlässt, sobald Free-Jazz diesen Raum erfüllt. Glücklicherweise hat er schon Scharen von Frauen zu Free-Jazz-Liebhaberinnen gemacht. Dann heiratet er halt eine von ihnen, denn eine Ehe, in der nicht beide dem Free-Jazz erlegen sind, kommt für ihn nicht in Frage. Nur beim Free-Jazz fühlt er sich außer jeder Kontrolle, etwas Fremdes nimmt von ihm Besitz, und er will, dass seine Frau dies auch erlebt, dass sie merkt, wie ihr der Zugriff verloren geht, auf ihn, auf sich, auf die Welt. Ja, er glaubt, das Problem in seiner Ehe löst sich nur, wenn er sich trennt und jemanden sucht, der Free-Jazz zu hören vermag. Andernfalls gleicht jede Ehe für ihn einer Schreckenskammer. Morgen wird er es seiner Frau unterbreiten.

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Schöpferpause

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Intermezzo III

Manche mögen’s heiß. Er nicht. Ihm sind die moderaten Temperaturen lieber. Nur dann ist er noch zu etwas fähig. Hitze erschlägt ihn und er kann nichts mit sich anfangen. Dann verbröselt ihm der Tag, und kein Tanz mit Worten will gelingen, was ohnehin selten passiert. Er sitzt oder liegt rum, wartet, schaut aus dem Fenster, liest ein paar Gedichte von BUK, diesem verkorksten Genie, grinst und trinkt Kaffee, wartet, nimmt den Zerstäuber und sprüht sich Wasser ins Gesicht, streckt sich auf den Fliesen im Bad aus, japst nach Luft, legt Pflaumen in den Kühlschrank, alles in Slow Motion, denn jede Bewegung bringt ihn zum Schwitzen, freut sich auf die Liebste, die auf sich warten lässt, da sie besseres zu tun hat als ihren alimentierten Tunix zu kraulen. Wenn er Glück hat, fällt er gegen Abend in den Schlaf und träumt. Dann lastet keine Hitze mehr auf ihm und alles ist wie weggeblasen. Nach dem Erwachen bleibt ihm eine leichte Erregung, mit der er auf die Loggia tritt, wo ein milder Luftzug sie in die tropische Nacht weht. Weiter tut sich nicht viel. Vielleicht tönen fremde Stimmen von den Balkonen, vielleicht scheint der Mond silbrig, vielleicht sieht er eine Sternschnuppe verglühen, vielleicht ruft ihn die Liebste ins Bett, vielleicht kommt ihm sogar noch ein notabler Satz unter, aber all das kann seine Bedenken nicht entkräften, mit denen er das Grauen des Morgens erwartet, das einen weiteren heißen Tag ankündigt.

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Intermezzo II

Meist bleibt er liegen, ohne die geringste Anwandlung, seine Lage zu wechseln, stundenlang, regungslos, so dass man meinen könnte, er schlafe meditierend oder meditiere schlafend. Und nur unter dem Druck äußerster Notwendigkeit lässt er sich dazu verleiten, aufzustehen und umherzugehen, doch nur mit einer Geschwindigkeit von nur ein paar Dutzend Metern pro Stunde, wobei er häufig innehält und in Zustände einer seltsamen Zerstreuung verfällt, während derer er schon mal sein ursprüngliches Vorhaben oder Ziel vergisst und sich auf einer Wiese niederlässt, ein Taschentuch über die Augen legt und in der Sonne döst oder zwischen den Grashalmen leise zu singen abhebt. Bei seinem gemächlichen Hin und Her gibt er nie sein Lächeln auf, das man nicht anders als den Ausdruck einer vollständigen Glückseligkeit verstehen kann. Selbst bei der Liebe lässt er sich Zeit, zieht die Annäherungen in die Länge und nur, wenn es zur finalen Begegnung kommt, bricht er völlig unerwartet und ohne Scham in frenetische Zuckungen aus, wonach er gleichermaßen beglückt wie erschöpft erneut in seine selbstgenügsame Lethargie verfällt.

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Intermezzo I

Der Kopf einer jungen Amsel liegt im Dickicht, aus dem Gelächter sprüht. Ein Wortschatz wird zwischen den Zoten gehoben, doch auch das löst keine frohe Erwartung aus. Unterdessen lässt die Anmut von Brüsten ihn von Arkadien träumen. Er weckt seine inwendigen Bilder in Gläsern ein, um später ein Fingerhut nach dem anderen davon zu kosten. Lachsalven brechen los, versaute Lieder werden gesungen, Saufseligkeit greift um sich. Ein Rätselton ist aus einem dunklen Abgrund zu hören. Er springt hinein und schlägt auf den Boden, wo er liegen bleibt, platt wie ein getrocknetes Blatt Männertreu in einem dicken Wälzer, der einer feinnervigen Elfe aus den Händen fällt. Dann wacht er auf, aber ganz woanders. 

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Layers

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Vandalismus?!

Audimax

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