Tranches de vie XXV

Heute hat mich ein Ordnungshüter angehalten. Ich fuhr mit dem Rad auf dem Bürgersteig. Mit gesenkter Stimme und wichtiger Miene belehrte er mich über die entsprechende Verordnung, gegen die ich verstoßen hatte. Mich überkam ein leichter Schrecken, wollte aber zugleich auch aufbegehren gegen diese Zurechtweisung. Doch rasch ergab ich mich in mein Schicksal und nahm die Ermahnung nicht nur an, nein, als die Anspannung nachließ, überantwortete ich mich regelrecht in die Hände des Ordnungshüters. Denn durch die unmissverständlichen Worte des Gesetzes fühlte ich mich aufgehoben in einer umfassenden Gerechtigkeit. Die Regeln gelten für alle, auch für mich, und auf einmal glaubte ich mich in einer begreifbaren Wirklichkeit zu befinden, einer, die einer Ordnung zu gehorchen schien. Die Welt hielt sich wunderbarerweise im Lot, einen Augenblick lang, und noch einen, bis er sich dann verabschiedete und ich wieder auf dem Rad saß und weiterfuhr. Noch kurz war für mich alles klar und verstehbar, doch schon nach wenigen Metern fing es wieder an zu bröckeln und es sickerten erneut Zweifel und Verwirrung in mich ein. Unheimlich, aber ich werde es schon noch herausfinden. Momentan aber war die Klammer gelöst und alle meine Gedanken lagen zerstreut am Boden. Mit letzter Not musste ich sie zusammenlesen, um nicht ganz zu zerstieben. Ich wusste: Gelänge dies nicht, wäre alles aus. Niemand hätte die Macht, mich wieder zu kitten, die Teile flögen im Raum umher, selbst Träume wären nicht mehr denkbar. Herauszufinden gäbe es dann auch nichts mehr. Doch zum Glück fuhr ich weiterhin auf der Straße, die mir sogleich ein entzückendes Lächeln zur Lektüre anbot. Ein Gitarrist in einer Unterführung sang lauthals Brotherhood of man ins Halbdunkel, was mich rührte. Zudem hörte ich eine Passantin ins Handy sprechen: „Einer kann laufen, der andere nur noch e-biken.“ Dann, im Stadtpark, war ich ganz hin und weg von einer Mama pendulans. Ein Goldstück gab mir Touché, der Steve-Blow-Job könnte nicht mehr fern sein, da Kutschera mich liebt, wie mir ein Schriftzug auf einem Mülleimer versicherte. Mein Gemütspegel stieg an, immerhin. Bei einem Zettel, der an einem Baum flatterte, hielt ich inne. Dummerweise verhieß er keinen Finderlohn, sondern informierte über das Verschwinden der Hure Rosa. Körperteile von ihr tauchten in Plastiksäcken an den Ufern verschiedener Gewässer im Stadtraum auf. Nur vom Kopf fehlte bisher jede Spur. In der Presse wurde kolportiert, dass im Gebiss der Toten ein Dutzend Goldinlays steckten. Die Polizei bat um Mithilfe. Beunruhigt radelte ich weiter, wich lose umherliegenden Gliedern aus, querte im schrägen Licht tanzende Schatten, streifte die buntfarbigen Schlafplätze von Obdachlosen, und kam beim Planetarium an dem Fotoshooting einer verkleideten Beautyqueen vorbei, deren verkrampftes Servicelächeln mich an den Kopf der Hure Rosa erinnerte, der irgendwo vor sich hin verwest. Tja, am Ende kommen die Würmer, und zack fertig ist das bisschen Leben … Noch aber rollt mein Rad und trägt mich wohin auch immer, nur fort. Ob zu Fuß oder mit dem Drahtesel: Jede Runde zählt, denn sie unterbricht das Gefecht. Wobei ich jetzt beim Schreiben nicht umhin kann zu glauben, dass die heutige Tour mich mitnichten aus dem Gefecht entlassen, sondern vielmehr mitten hinein gestoßen hat. Unheimlich, aber ich werde es schon noch herausfinden.

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Bilder aus der Provinz: Friedhof

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Anderswo

Ein Morgen nach durchwachter Nacht
Sonne bricht durchs offene Fenster
Sitzen im frischen Luftzug
Bach hören
Französische Suite Nummer Zwei
Alles wird leichter
Kein Pensum drängt sich auf
Pläne fallen ab
Nichts scheint geboten
Auf glückliche Weise auf
und davon

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Bilder aus der Provinz: Futterrüben

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Nullachtfünfzehn wird unterschätzt

Die Extreme sind einfach. Lediglich
die Mitte ist ein Rätsel.
(Louise Glück)

Ich setze mich neben den Alten auf die Bank, da ich ihn kenne und aus früheren Begegnungen weiß, dass er gleich eine Weile extemporieren wird. Kaum habe ich meine Ohren ausgerichtet, legt er auch schon los: „Was soll das eigentlich, dieser Widerwille gegen den Durchschnitt, diese Angst vor dem Nullachtfünfzehn?“, fragt er, um dann noch einmal tief Luft zu holen und weiter wie gedruckt fortzufahren: „Dieses Nullachtfünfzehn, so die gängige Auslegung im Duden, meint bar jeglicher Originalität, bar jeder persönlichen Note. Bezogen auf die Führung des Lebens bedeutet es eines, das auf ein alltäglich gewordenes Muster, auf Konventionen festgelegt ist, das sich in der Wiederholung eingerichtet hat, sie sogar pflegt, und die Macht der Gewohnheit anerkennt. Und in der Tat ist es doch so, dass wir die meiste Zeit damit verbringen, nicht im Sterben zu liegen. Weder werden wir von einer Fremden verführt oder von einem Ringer gewürgt, noch von einem Selbstmordattentäter angefallen. Das Mammut bleibt unsichtbar, der Tiger ertrinkt im Tank. Nur weniges geht so aus, wie es mit hehren Motiven geplant wurde. Das Leben ist kein Mysterienspiel. In der Regel trotten wir doch alle im Nebel banaler Ereignisse dahin, verbringen die meiste Zeit in einer Weise, die im Grunde langweilig ist. Wir erreichen selten die Gipfel klarer Gedanken, schwimmen nicht oft im Meer der reinen Konzentration, halten es kaum auf der Wiese der Erkenntnis aus. Stattdessen tummeln wir uns in gemäßigten Zonen und wollen doch, dass jeder Seiltanz ohne Absicherung ausgeführt wird, wollen unsere Grenzen übersteigen, wollen interessant und einmalig erscheinen. Die Vorstellungen vom erstrebenswerten Leben sprießen, aber die Möglichkeiten, es zu verwirklichen, welken, und so pendelt man sich ein. Aber ist das nur schlecht? Ist das nur ein Niedergehen, ein Nachlassen, ein Versiegen? Kann es nicht auch ein modus vivendi sein, dieses ruhige, aufregungslose Leben in mittlerer Lage, ohne besondere Höhen oder Tiefen? Dieses platte Leben, in dem man ohne falsche Hoffnungen seine kleine Aufgabe erfüllt, ist genauso anstrengend wie ein abenteuerliches. Gut gefedert und leise durch die Tage kommen zu wollen: Was spricht gegen diesen Wunsch? Damit meine ich nicht eine gepolsterte Futteralexistenz, die sich allenthalben wegduckt, sondern ein Leben jenseits der Extreme, ein Leben, das seine Halbheiten akzeptiert, seine Gewohnheiten, Routinen und seichten Stellen, auch seine Eintönigkeit – ein Leben im Lauen. Warum immer diese Lust nach feurigen Stichen, warum diese Sehnsucht nach Erregungsspitzen, nach Schmerz und Überforderung? Warum nicht als Toter Mann im Pool rumdümpeln? Es geht um Selbstgenügsamkeit, um die Wonnen der Gewöhnlichkeit, um ein brav schnurrendes Dasein jenseits der leidenschaftlichen Dramen oder Ekstasen. Nicht partout über sich hinauswollen, sondern bei sich bleiben, auf dem eigenen kleinen Grund und Boden. Auch ein solch geregeltes Durchschnittsdasein erfordert Tapferkeit, denn nur sie ermöglicht es, in seiner Banalität keinerlei Skandal zu sehen. Eine geradezu heroische Haltung ist vonnöten, um ein solch rechtschaffenes Allerweltsleben führen zu können. Auch so ein gemäßigtes Dasein ohne Glanz und Gloria will erst einmal gelebt sein. Nicht immer das Extreme wagen, sondern die Mitte finden, die Ausgeglichenheit: Nicht sich gehenlassen, sondern sich behalten wollen, nicht immer neue Nervenkitzel riskieren, sondern mit heiler Haut davonkommen.“ Ich bin ein wenig überrascht, da die rhetorische Prunkrede abrupt endet. Es kommt mir vor, als wäre ich aus einem kurzen Schlaf aufgeschreckt und kann nun vor lauter Benommenheit kaum einen Satz von mir geben. Nach wenigen Augenblicken schüttele ich mich und schaue aufs Wasser. Und während ich das tue, breitet sich in mir ein Gefühl der Ergebenheit aus. Es muss nicht immer was los sein, es müssen nicht ständig Funken geschlagen werden, denke ich, besänftige also deinen Ehrgeiz, mäßige deine Ambitionen, kehre in dich – das wenigstens habe ich als Summa von diesem schier endlosen Monolog zurückbehalten, dessen Sprecher sich inzwischen in Luft aufgelöst hat. Und so bleibe ich … sitzen, genieße die wärmende Sonne auf meinen geschlossenen Augenlidern und simmeliere über das Gehörte.

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Bilder aus der Provinz: Feld

Lines

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Aureole

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Übung

Am Anfang des neuen Jahres nehme ich meine Seelen in Augenschein. Die unappetitlichen sondere ich aus. Die attraktiven umarme ich, andere bekommen nur einen Klaps. Im Blick habe ich auch jene, die so arg geschrumpft sind, dass sie leicht zu übersehen sind. An einige aber möchte ich mich gar nicht erinnern. Dumm und unreif geblieben, sollen sie im hintersten Winkel weiter vor sich hin verkümmern. Interessiert bin ich an der einen, die mich ohne Wenn und Aber anspornt. Vor allem um sie geht es mir. Wenn sie an der Reihe ist, endet die Sichtung. Dann beginnt die Kolumbusfahrt aufs Neue.

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Tapetenwechsel

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Endstation

Ein Kaninchen irrt im Vorgarten umher. Es scheint krank und erblindet zu sein, denn es stößt überall an, flüchtet auch nicht, wenn ein Passant mit kläffendem Hund an ihm vorüberzieht. Seine Bewegungen wirken ohne Ziel, verlaufen kreisförmig und werden immer stockender. Vor einer Hecke bleibt es sitzen, duckt sich, schnuppert, dann hoppelt es weiter. Keiner weiß, wie ihm zu helfen ist. Alle bis auf mich ziehen sich von ihren Loggien zurück, um dem Offensichtlichen nicht beizuwohnen. Dann wird es schwächer, ruhiger, bleibt auf der Stelle in der Nähe der Blumenrabatten hocken, bewegungslos. Wenig später geht ein Schütteln durchs Fell und es rückt einige Zentimeter weiter, bis es erneut erstarrt. Ich versuche mich auf die Zeilen zu konzentrieren, die vom Wendekreis der Sackgassen handeln, doch ich hebe nahezu minütlich den Kopf vom Buch und schaue nach unten, um den Fortgang des Kampfes nicht zu verpassen. Ich stelle mich sogar an die Brüstung und lese im Stehen, um von höherer Warte aus mit den Augenwinkeln die Arbeit des Todes zu verfolgen. Plötzlich ist das Tier verschwunden. Nun kann es unbehelligt verenden.

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