Winterhude Lines

Ich sehe einen alten Mann, der durch die Straßen rennt, sein lichtes Haar zauselt im Wind, in seinen Händen trägt er gefüllte Taschen und Rucksäcke, wie Geiseln schleppt er sie mit sich, wohin und zu welchem Ende bleibt ungewiss

Ich sehe Jugendliche, die immer wieder in die spiegelnden Scheiben der Autos blicken, um sich ihres Aussehens zu vergewissern ruckeln sie an ihren Haaren oder ziehen ihre Bäuche ein, bisweilen zücken sie ihr Handy und machen ein Selfie

Ich sehe Nachbarn, die sich vorm Haus treffen und plaudern, meist endet es mit einem ansteckenden Lachen und der Floskel „Hilft ja nix, da müssen wir durch“

Ich sehe Hyperactive Dad, der beim Gehen vor unserem Haus derart laut in sein IPhone spricht, dass man mithören muss und mitleidet, wenn wieder ein Auftrag, um den er sich bemüht, ausbleibt

Ich sehe eine alte Frau, die immer wieder stehen bleibt, eine kleine Flasche zückt, zwei Schluck trinkt, weiter geht und nach hundert Metern dieselbe Prozedur vollführt

Ich sehe den Mittsechziger aus der Parreterre-Wohnung, der an manchen Morgen ohrenbetäubend laut Rockmusik aus seiner Jugend hört und dabei schief mitsingt

Ich sehe den Teenie aus der Nachbarschaft, dessen Schreie ich schon oft hörte, von denen ich hoffe, dass es nur Kommentare zu den Filmen sind, die er in seinem Zimmer sieht, oder zu den VR-Games, in denen er mitzuspielen glaubt

Ich sehe eine junge Frau mit rotem Schmiss auf dem rechten Jochbein, sie sitzt mir im Park mit gedankenverlorer Miene gegenüber, vielleicht ist sie aber auch nur müde, jedenfalls scheint sie geistig beschäftigt zu sein, sodass sie wie in einem Kokon erscheint, unnahbar

Ich sehe ein Kinderpaar auf einer Mauer hüpfend und lachend, wie aus einem Guss

Ich sehe Möbel, Matratzen, Geschirr, Bücher und Decken, wie sie aus der Wohnung des kürzlich Verstorbenen auf die Blumenrabatten des Vorgartens fliegen und dort einen Haufen Müll bilden, der von Abfallwerkern in kurzen Hosen entsorgt wird, die bekannte Popmelodien ins Blaue trällern

Ich sehe Eli und lasse meinen Phantasien freien Lauf

Ich sehe einen Debilen im Garten, der unentwegt Seifenblasen in die Luft bläst und dabei von einem aufs andere Bein springt und laut kreischt

Ich sehe das bläuliche Krampfaderngeflecht an den elfenbeinweißen Beinen einer jungen Mutter, die ihr Kind im Wagen mit heller Stimme herzt, während sie im Smalltalk mit dem Eismann ins Stottern gerät

Ich sehe eine Frau und einen Mann, die sich darüber streiten, wer die Vorfahrt hat, keiner gibt nach, dann hält der Mann sich die Ohren zu und die Frau schreit: Ich bin so erregt, ich könnte Ihnen in die Augen spucken

Ich sehe J, der seiner Sprecherrolle nicht entkommt und jeden zutextet, der ihm begegnet

Ich sehe einen älteren Mann, angelehnt an seinen Rollator, der in aller Seelenruhe gegen einen Zaun pisst, während an ihm die Passanten vorüberziehen, eine Kippe klebt an seinen Lippen, eine Munaske baumelt an seinem linken Ohr

Ich sehe ein Pärchen aus der Nachbarschaft, ein Vater und seine Tochter, sie schleichen täglich zum REWE, oft heftig miteinander disputierend kommen sie erst auf der Backsteinmauer vor unserem Haus zur Ruhe, wenn sie sich entspannen und im Sitzen die Erschöpfung annehmen

Ich sehe die zum Verrücktwerden langen und goldenen Beine einer Nachbarin, als sie ihren Rock hochschiebt, um sich besser bücken zu können

Ich sehe auf dem Boden vor LIDL einen jungen Mann hocken, der auf seine Arme stiert und vor sich hin murmelt, bis er eine Flasche Feigling aus seiner Tasche zückt und sie in seinen offenen Mund schüttet

Ich sehe einen Mann, der an einer Ampel vor wartenden Autos mit einer Eisenstange kunstfertige Loops vorführt und auf milde Gaben hofft, wenn er, kurz bevor die Autos weiterfahren, an die Scheiben klopft und eine Hand bittend öffnet

Ich sehe eine Frau, die sich nicht anders zu helfen weiß, als alle, die ihr auf der Straße entgegenkommen, mit dem Spruch zu grüßen: Der Lack ist ab

Ich sehe einen Mann im Trenchcoat, der etwas ruft, immer wieder, laut und doch undeutlich, es könnten auffordernde Worte sein, immer wieder mechanisch ausgestoßen, ohne dass irgend jemand darauf reagiert oder dass irgend etwas darauf folgt

Ich sehe die Nachbarin, die oft laut in ihrer Wohnung schreit, vielleicht schimpft sie mit einem ihrer Söhne, die Stimme überschlägt sich, lässt keine Widerrede zu, will nur brüllen, dazwischen wird ein Satz hörbar: Und Du gehst jetzt wieder in die scheiß Klinik, dann plötzlich Stille

Ich sehe vor der Schule den Penner E auf der Mauer sitzen, in seinen Händen hält er eine Schere und Plastikteile, die er akkurat in feine Streifen schneidet, die dann in das welke Laub zu seinen Füßen fällt und dort sich als Konfetti sammeln

Ich sehe die drei Nachbarinnen, die sich einmal pro Woche zum Spazierengehen im Stadtpark treffen und die danach auf der Straße vor ihrem Wohnblock lautstark sich über dies und das unterhalten, stetig wechselnd zwischen privaten Angelegenheiten und öffentlichen Missständen, und unterbrochen von Lachsalven

Ich sehe eine Familie, die am Sonntag unter den Bäumen im Kirchgarten ruht, während ihre Kinder lautstark im hohen Gras toben

Ich sehe eine Nachbarin, die ihre Probleme für alle hörbar vor dem Gemeindehaus am Handy verhandelt

Ich sehe eine Katze im Vorgarten, die mit einer halbtoten Maus spielt, daneben pflanzt Frau V im Beet Frühlingsblumen

Ich sehe eine junge Frau mit Kopfhörern hinter einem Fenster auf und ab steigen

Ich sehe Regenlachen, die mich anhimmeln

Ich sehe Jugendliche auf der Mauer hocken, die sich ihre Handys unter die Nasen halten und laut auflachen

Ich sehe Mister Oberhemd, wie er mit steifem Rücken über die Straße schleicht

Ich sehe Pärchen, die gemeinsam den Kinderwagen zu schieben versuchen und dabei aus dem Tritt geraten

Ich sehe ein anderes Paar, das in aller Öffentlichkeit im Wechselbad ihrer Gefühle plantscht

Ich sehe Rollerfahrer, die mir nichts dir nichts ihr Gefährt mitten auf dem Bürgersteig abstellen

Ich sehe einen Mops, schwer keuchend und in Zeitlupe trottelnd, und 10 Meter vor ihm sein wartendes Herrchen, der sichtlich Mühe hat, sich diesem Tempo anzupassen, weshalb er in weiser Voraussicht für die Stehpausen eine Dose Bier dabei hat

Ich sehe das Grauköppche und mein Herz schlägt Purzelbäume

Ich sehe über dem trägen Wasser des Kanals in schlaffer Luft ein dürres Kordel an einer morschen Brücke baumeln

Ich sehe das Auto, aus dem, während der Fahrer umständlich einzuparken versucht, kläffendes Hundegebell nach draußen dringt, so lange, bis der Fahrer, sein Herrchen, aussteigt, die Hintertür öffnet und den kleinen Racker rauslässt, dann herrscht Ruhe und der Hund schüttelt sich ausgiebig

*

Ich sehe mich, wie ich auf der Loggia sitze, wie ich durch die Straßen tigere, wie ich durch mein Kiez radele, wie ich einkaufen gehe, wie ich versuche, unbeteiligt nur zu sehen, ich sehe mich als einen Jäger, der überall auf Freiwild lauert, ich sehe mich Wort für Wort notieren, wohlwissend, dass  es auch andere Wörter sein könnten

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Pause

Es ist die Hölle, nichts zu tun zu haben, und erbärmlich ist es, etwas zu tun. Wenn wir innehalten im Tun, dann schweifen unsere Blicke ab, werden stumpf und leer, wir erschrecken, erblassen vor dem Nichts, in das sie gleiten, also halten wir uns fest an den winzigen Hälmchen unseres Alltags, am Fensterputzen und Einkaufen, am Briefeschreiben und Haarewaschen, wie entsetzlich die Leere, die Muße, die dahinter lauert, wir sehnen uns nach Tätigkeit, und sei sie noch so unsinnig, weil wir es nicht ertragen, in den Pausen, die dazwischen entstehen, unser Verglimmen zur Kenntnis zu nehmen. (Matthias Zschokke, Der dicke Dichter) 

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Tranches de vie XXX oder: Alltag und andere Unhöflichkeiten

Im besten Fall wirst du, mein Text, mit Lust gelesen und womöglich sogar kommentiert. Im ungünstigen Fall nimmt man dich nur flüchtig zur Kenntnis und vergisst dich sofort. Auch möglich wäre, dass ich dich verfasse und danach wieder vernichte. Oder du verschwindest ungeschrieben in einer Ecke meines Gedächtnisses, wo du dich zufrieden niederlässt und mir in guter Erinnerung bleibst, bis eines schönen Tages – h e u t e – der Fall eintritt, dass ich dich doch veröffentliche, wohlwissend, dass es sich hierbei um ein paar Schaumkrönchen mehr auf dem digitalen Meer der Bedeutungslosigkeit handelt:

Ich kenne ihn, den traurigen Alten, der heute seine Zeit damit zu vertreiben versucht, die Maulwurfshügel im Garten zu plätten und der sich, nach getaner Arbeit, beruhigt davon macht, hinein in unser dunkles Treppenhaus, wo er die Stufen hinaufgeht bis zur Schwelle vor der blitzblanken Wohnungstür, hinter der er dann darauf wartet, dass seine bessere Hälfte heim kommt und ihn herzt, so innig, das ich in meiner Wohnung nebenan das Horchen einstellen werde …

Gründe für einen geordneten Rückzug brauche ich nicht. Es reichen schon diese irren Temperaturen. Aber auf dem Balkon sitzend ist es, als wäre ich auf hoher See, so heftig bläst der heiße Wind in das Segel des Sonnenschirms. Etwas taucht auf, anderes verschwindet gerade, jede Ambition ist wie ausradiert, nur der Moment auf diesem Platz hier, auf dem Balkon bei über 33 Grad im Schatten, zählt, ein Kaltgetränk vielleicht noch, und die beste Gesellschaft, die ich mir denken kann: ein Buch, indem ich von schweren Zeiten voller schöner Stunden lese …

Auch gestern schon herrschte diese schwüle Hitze, bis am Nachmittag erste Donner grollten, dann setzte leichter Sommerregen ein, kühle Luftzüge zogen vorüber, Blitze zuckten, ein Schmetterling suchte das Trockene auf der Loggia, dann fielen dickere Tropfen in Strömen, die Brandungswellen des Verkehrs wurden lauter, dann ging ich hinein, Starkregen und Windböen drückten an die Fensterscheiben, das Tageslicht wurde weggespült, die Aussicht hinter dem Fenster verschleiert, das Zifferblatt der Kirchturmuhr konnte ich aber noch golden leuchten sehen, dann ließ der Regen nach, der Donner zog ab, es klarte auf, die Sonne kam zurück, die Straßen trockneten langsam ab, für einen Moment noch schien die Stadt wie eingeschlafen, dann kehrte ich auf meinem Logenplatz zurück und schaute zu, wie alles nach dem kurzen Spuk wieder einsetzte, und dann …

Ja oder nein oder entweder oder, das schien die Frage für alle anderen zu sein, für mich aber nicht mehr, denn zum Glück bleiben mir die Segnungen und Prüfungen der Zukunft erspart, da ich sie, im Beisein eines von mir persönlich zusammengestellten Kreises von Freunden, zur Vergangenheit erklärt und beschlossen hatte, der öden Wiederkehr der An- und Entspannungen abzuschwören und mich stattdessen wie eine Flaschenpost zu verhalten, die von den Wellen der Gezeiten hin und her geschaukelt wird, bis sie am jenseitigen Ufer anlandet …

Von Kopf bis Fuß eine Augenweide, von hinten wie von vorne ein Wunder, ein zauberhaftes, ein vollkommenes Geschöpf -, und doch nistet der Tod in Gestalt eines klitzekleinen Erregers in ihr, den sie sich gestern beim Austausch von Körperflüssigkeiten einfing, Sex ist eben kein Spaziergang im Grünen, und wenn ihr Schöpfer es gut mit ihr meint, wird sie nie etwas davon erfahren, da er sie schon bald zum Opfer eines Unfalls machen könnte, bei dem ich möglicherweise als Zeuge zugegen sein werde, um den letzten flüchtigen Schimmer ihrer verlöschenden Anmut in ein Wörterleben zu überführen …

Die beste Auszeit gewährte mir ein Gedicht. Es kam wie ein unverhoffter Besuch und bereitete mir nach mehrmaliger Lektüre einen erholsamen Schlaf. In diesem gab es weder Angst noch Schmerzen, keine Klagen kamen auf, und ein Traum im vollen Gleichklang mit meinen Wünschen stellte sich ein. Als ich erwachte, griff ich neben mich und suchte das Gedicht. Zeile für Zeile, Reim für Reim, Silbe für Silbe wollte ich es nochmals lesen und memorieren. Doch es war nicht mehr da, auf Nimmerwiedersehen hatte es sich aus dem Staub gemacht. Es blieb mir von ihm nur eine Sentenz in Erinnerung, die ich hier mitteilen will: … das Zerbrochene findet sich zusammen im Mund eines schwimmtüchtigen Dichters … Egal, wie hoch der Pegel steigen wird, mit diesen wenigen Worten, immerzu wiederholt wie ein Mantra, wächst mir das Rettende entgegen, da bin ich mir todsicher …

Fürchterlich ist mein Donnerwetter, das ich ausstoße, wenn ich einwärts gekehrt meinen Geist im Wörtersee treiben lasse und plötzlich ein Lärmmacher in Gestalt eines debilen Gärtnergehilfen auftaucht, der mit einem Laubbläser welke Blätter wegfegt, jene Blätter, die mich gestern noch zu einer ingeniösen Ballade inspirierten, angesichts dieser unverschämten Störung verlässt mich die innere Ruhe und es bricht eine blindwütige Verbalinjurie aus mir heraus, die nicht selten von monumentaler Ungerechtigkeit ist und das solcherart gescholtene Menschlein stande pede in die Flucht schlägt, so dass ich wieder ungestört Jagdrunden in meinem liebsten Element drehen kann, ohne jedoch eine Garantie dafür zu haben, dass dabei ein bemerkenswerter Fang gelingt, der sich in brauchbaren Zeilen niederschlägt …

Ein entzückendes Lächeln kommt mir entgegen, als ich einen Gitarristen Brotherhood of man singen höre, von einem Paar, das ich sehe, kann der eine laufen, während die andere nur noch radeln kann, und schon werde ich von diesen allerliebsten Mama pendulans angezogen, hier im warmen Kiefernduft des Stadtparks, der bei diesem herrlichen Wetter südlich anmutet und die Sonnenhungrigen anlockt, ein Goldstück gibt mir Touché, der Steve Blow Job könnte nicht mehr fern sein, da Miss Kutschera mich liebt, wie ich einem Aufkleber entnehme, zuletzt protzt ein T-Shirt mit Fuck my mind und eine Beautyqueen entflieht, als ich laut deklamiere: Vor dem Verkehr ordentlich drücken! So ein kurzer Gang hält allerhand bereit, um meinen Wort- und Bildschatz zu bereichern. Der Samen des Verlesens und Versehens wird aufgehen, und allein die Aussicht auf die dadurch ermöglichten Texte lässt mich gurgeln vor Freude …

Am Morgen hatte ich eine Begegnung der dritten Art – mit dem Spiegel. Nein, das bin ich nicht, sagte ich mir, noch nicht, ich bin auf dem Weg dahin, aber noch bin ich nicht angekommen. Oder doch? Ich fühle, was ich sehe, und kann es nicht glauben. Ja, man wird alt. Ungepflegt, von schrägen Gewohnheiten in fantastische Formen verwittert, vor allem müde. Wohin also mit dem alten Sack? Am frühen Abend traue ich mich raus, das Gesicht hat sich geglättet, die Sonnenbrille verdeckt die Augenringe. Ich sehe Greise gemessenen Schrittes in der späten Sonne im Park gehen und freue mich, wenn sie versonnen die welken Blätter anlächeln, die sich schon auf den Wegen häufen, und ich stelle mir vor, was für ein Gleichmut ihre Gemüter erfüllen muss. Dann fällt mir eine Passage ein, die ich letzthin gelesen habe: Der Ernst des Lebens ist nicht oben am Berg, er wird nirgendwo eher vergessen. Der Ernst des Lebens beginnt in der Ebene, wenn der Stein zum Stillstand kommt …

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Der Teenie zum Traum

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Der Traum eines Teenies

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Hitzefrei

Nach dem Aufwachen kam mir keine Verwendung für diesen Tag in den Sinn, der als einer der heißesten des Jahres angekündigt wurde. Ich wechselte die Lage, döste vor mich hin und schlief ein. Im Traum rannte ich, was das Zeug hielt, rannte immer weiter, ohne mich umzublicken oder langsamer zu werden. Alles zog rasend schnell an mir vorüber, nichts blieb haften in diesem Reigen verwischter Bilder. Noch nicht einmal zum Schiffen hielt ich an. Als ich zu mir kam, war ich zu erschöpft, um aufzustehen. Schlagkaputt ruhte ich aus, spürte die schwüle Luft und fiel wieder in den Schlaf. Nun geisterten urige Bleichgesichter in meinem Traum umher, aber die Unrast war glücklicherweise vorüber. Dafür hielt mich eine Umklammerung fest. Sie erfasste meinen ganzen Körper, presste meine Knochen zusammen, ihre Kraft ließ nicht nach, keine Ahnung, wem sie gehörte oder wer oder was sie steuerte, sie drückte so unnachgiebig, dass ich davon wach wurde. Draußen dämmerte es bereits. Langsam lockerten sich meine Glieder und ich nahm eine kalte Dusche. Dann ging ich auf die Loggia, um meine Haut an der warmen Luft zu trocknen. Das tat gut. Ein letzter Fetzen Licht blitzte am goldenen Kreuz des Kirchturms auf. Ich ging hinein und entschied mich für Bach, nicht zuletzt um die Traumerlebnisse zu vergessen. Der heilige Johannes nahm mich an die Hand und fügte mit einer Partita alles zum Guten. Und jetzt, während ich dieses Notat beschließe, möchte ich betonen, dass selten ein aufgegebener Tag so befriedet endete, wie der vergangene.

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WandBild

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Mood de jour XXIV

Da waren wir, und zuerst bemerkte ich dein Gewicht. Wie leicht DU warst. Selbst wenn ich dich auf den Armen trug, konnte ich noch springen und unerhörte Sätze tun. Sodann traf mich der Duft, der von dir ausging, und der mich derart berauschte, dass ich nicht von dir lassen konnte. Eng aneinander gedrückt, bildeten wir das in sich verschlungene Tier mit den zwei Rücken. Als die Spitzen deiner Schlangenlocken meine Wangen berührten, durchfuhr ein gewaltiger Stromschlag meinen Körper. Ich fühlte mich einer fremden Macht anheimgestellt. Sie ergriff mich mit einer kraftvollen Dringlichkeit, und unverzüglich begann die Ausschweifung wie ein unabwendbares Ritual. Ich suchte deine Lippen, um dich ganz zu inhalieren. Wir glitten zu Boden und ich fing an, sanft die Konturen deines Körpers zu liebkosen. DU empfingst jede meiner Zärtlichkeiten mit regungsloser Passivität. Kein Wort, kein Laut, die deine Teilnahme glaubhaft bewiesen. Wie eine Voyeuse nahmst DU den Akt hin und versankst in eine ganz eigene, selbstgenügsame Verzückung. Anfänglich erregte mich diese erotische Ambivalenz, aber die rätselhafte Distanz löste sich nicht auf, selbst beim Höhepunkt nicht, als DU aus einer furchterregend weiten Ferne zu lächeln schienst. Es herrschte ein Hiatus zwischen uns, und ich merkte, dass kein neuerlicher Versuch ihn überbrücken würde. Bis zum Grund deines Wesens könnte ich nicht vordringen, deine Unzugänglichkeit bliebe bestehen. Alle zukünftigen Berührungen ließen den Abgrund, der uns voneinander trennte, nur noch spürbarer werden, und mit jedem Stoß würde mein Nichtwissen fundierter.

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Pantonoia

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Sphinx


I don’t see many other purposes of art than to offer people a different way of seeing the same. (Henrik Saxgren)

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