Tranches de vie XXII

In mir herrscht ein Spuk wechselnder Bilder, doch der alte Schwung ist hin. Das Wetter tut ein übriges, mich zu dämpfen. Noch dazu vögelt mein Nachbar fremd, mit spitzen Schreien, die den Lärm der Schlagbohrer kreuzen, welche den Bürgersteig malträtieren. Ich gehe weg. Nach wenigen Stunden zeigt mir das Zittern meiner Beine, wie weit ich mich verlaufen habe. Zwischen den Wassern und Räumen strande ich zu guter letzt im Hinterland. Dort treffe ich die Dämonen der Trägheit, die auf einer mild geschwungenen Wiese als Bodenbrüter wachsen und sich selbst genügen. Später lecke ich am Wehr die Gischt vom rostigen Eisen. Das letzte Licht verliert den Disput mit der Nacht. In völliger Dunkelheit schalte ich auf Autopilot und sinke ins taubenetze Gras. Was sich dort regt, entzieht sich meinen Sinnen. Unaufgeklärt verliere ich mich im Schwarz und der Ruin nimmt seinen Lauf. Der Rotor setzt seine Flügel in Gang, um die Gier der Schaulustigen zu steigern, die sich um mich scharen. Einzig die Sentenzen der Segler kann ich vernehmen, wenn die Ohren sich spitzen. Dann schiebt sich ein kleiner falscher Nebelton ins Gewölk, der Staub leuchtet schwach, ich aber höre launige Lieder, die den Gegenzauber auslösen. Wie ein Blaumann torkele ich umher, die Sonne bescheint nun die offene Bühne der Straße, wo sich gerade die Fassaden mit den Linienbussen duellieren, in einem Frühlicht, das den ersten Passanten salutiert. Ich begrüße die Frau, die heute neben mir gehen und dabei in ihr Zeichenheft jene Fehlerteufel bannen soll, welche die Routen säumen. Endlich habe ich jemanden an meiner Seite, um durch die Zitterpartie der Tage zu schwirren. Danach lasse ich mich ohne Umschweife fallen, in die Wörter, in ihren Klang und Rhythmus, taste mich, blind zunächst, zögernd voran, wie ein verlorenes Labertier, streife die Ränder, schnuppere in die Ecken, fühle, ob der Boden trägt, der Boden, der gleich wieder wankt, sich senkt und hebt, atmet, im Nebel verschwindet, und schreibe so lange, bis die Zeilen mich tragen.

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Not amused

Isola Bella

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Sonnenbad

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Und es gab ihn doch:

den Sommer!

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Short cuts XL

Seit einiger Zeit treffe ich jeden Montagmorgen um 8.00 Uhr einen guten Freund zum Gespräch in einem Café. Die Chefin ist eine aufgeräumte, junge Frau, mit der wir uns mittlerweile duzen. Sie beschäftigt mehrere Menschen mit einer Behinderung, die uns kennen und im Voraus wissen, was wir trinken wollen. Wir sitzen in der warmen Saison draußen auf dem Platz, genießen die Sonne und verfolgen das langsame Erwachen des umliegenden Geschäftslebens. Wenn der Kaffee an den Tisch gebracht wird, bekommen wir oft noch die besten Wünsche für den Tag mit einer solch frohgemuten Direktheit überbracht, dass wir uns davon anstecken lassen und unsere Themen im Geiste dieser lebensbejahenden Haltung besprechen. So verfliegt die Zeit in wechselnder Rede, in der wir uns über das politische Tagesgeschehen, aber auch die laufenden oder stockenden Familienangelegenheiten und über die jeweiligen neuen Projekte und Arbeitsvorhaben austauschen. Manchmal passieren auch vor unseren Augen kuriose Begegnungen, die wir kommentieren oder jemand richtet unvermittelt das Wort an uns, worauf wir mit der gebotenen Höflichkeit reagieren. Die lose Folge des Besprochenen, die lässige und doch verbindliche Umgangsform zwischen mir und meinem Freund und die entspannte Atmosphäre des Ortes führen dazu, dass diese Stunde nicht nur den idealen Einstieg in die beginnende Woche darstellt, sondern auch den weiteren Verlauf des Tages bestimmen kann, indem manches gedanklich weiter verfolgt oder in anderer Form umgesetzt wird. So ist der Montagmorgen zu einem Termin geworden, bei dem wir uns über das Leben und Treiben des anderen verständigen können: Das Gespräch erzeugt eine Anteilnahme, die aus und durch sich als bindend und bedeutsam erfahren wird. Solcherart wechselseitig aufgeklärt über das, was den anderen betrifft, steigen wir nach etwa einer Stunde auf unsere Drahtesel und radeln zusammen durch den Stadtpark, um zu unseren jeweiligen Arbeitsstätten zu gelangen. Dort angekommen, klemme ich mich meist hinter die Bücher, und mein Freund empfängt in seinem Büro einen Klienten, mit dem er zuallererst die „acht Brokate“ ausführt. Dies brachte mich heute auf die Idee zu dem vorliegenden Text: Könnte man den Jour fixe nicht als unser persönliches „neuntes Stück Brokat“ verstehen? Wenn auch das Gespräch im Sitzen weniger sportiv ausfällt, so fördert es doch den geistig-seelischen Ausgleich, da Worte gewechselt werden, die als ein Ineinander der Gesprächsfäden den „Brokat“ dieser Stunde entstehen lassen. Möge dieses durchwirkte Gewebe noch lange seinen besonderen Glanz für uns behalten.

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eGo

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This is a shot!

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Don’t trust in your selfie

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Tranches de vie XXI

Das Muse ächzt im festen Einband, die Leinwand reißt unter dem Aufprall einer Faust, ein unbestechliches Regime beginnt, die Zeilen jagen vorbei, und ich muss sehen, wo ich bleibe, während die Ziegel fliegen lernen und das Dach sein Balkenwerk preisgibt, doch selbst der blaue Himmel und ein Sonnenschein vom Feinsten können mich nicht hindern, das Grau in den Augen derer zu bemerken, welche die mögliche Version dieses Tages bezweifeln und mich zwingen, zurück ins Glied zu treten und das Maul zu halten. Das kann ich aber nicht, es ist mir zu schwer, und schon erleichtere ich mich hemmungslos, denn was ich nun sehe, ist phänomenal: Eimer voller Blei drücken die Bretter durch, die Träger neigen sich einander zu, Tauben kreuzen die Blicke derer, die oben auf dem Gerüst nur arbeiten wollen und nun ins Schwingen der Konstruktion einstimmen müssen, um nicht vollends zu fallen. Unterdessen formen sich am Boden die anderen zu Schaulustigen und warten, was passieren wird, da auch der Wind zunimmt, doch nichts folgt, das Gerüst hält stand, verweigert das Drama, hält die Arbeiter oben, die langsam den Rhythmus finden und nun, fast schon tänzerisch, auf den unsicheren Brettern balancieren und dabei schlichte Gassenhauer trällern. „Blitze schlagen nicht in Brennnesseln ein“, so das abschließende Statement des Poliers, mit dem er das Ereignis mit einem Sprichwort in die Grenzen des allgemeinen Menschenverstands einzuhegen versucht, doch niemand glaubt ihm. Der Polier ist über derlei Firlefanz erhaben und wendet sich der kalten Venus zu, wie er seine Gattin mit zärtlichem Nachdruck und in Erinnerung an gemeinsame Mühen nennt, die eben eintrifft und ihn mit einem Schirm aus Seide empfängt, auf dem sich die Konturen eines Pumas im Sprung zu erkennen geben. Von diesem Abgang ernüchtert, treten die anderen beiseite und schauen dem Paar nach. Die Arbeiter bleiben von allem unberührt und ordnen weiter ihre Dachpfannen.

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Locken

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