Cinémaginaire VI

Er geht umher und plötzlich verändert sich alles, oder nein, plötzlich sieht er alles anders, so als ob er eine Brille aufgesetzt hätte, die ihm alles mit erschreckender Klarheit sehen lässt. Nichts ist mehr einfach nur da, überall kommen ihm Zeichen entgegen, die Straße, die Schilder, die Werbetafeln, die Passanten, ihr Lächeln, ihre Stimmen, alles scheint an ihn gerichtet zu sein oder eine Botschaft an ihn zu enthalten. Er kann das nicht ignorieren, alles infiziert ihn, sobald er es sieht. Die Menschen, die Dinge, die Bewegungen, die Häuser, Autos und selbst die Bäume, alles spricht zu ihm. Es gibt kein Stückchen Raum, das frei von Zeichen ist, alles kollaboriert miteinander, Zeichen folgt auf Zeichen, dutzende Querverweise, Überschneidungen entstehen, ganze Klumpen von in- und übereinander erscheinenden Zeichen, verschwörerische Konstellationen, die ihm keinen Ausweg lassen: Er muss sie lesen, entziffern, verstehen, behalten und gebrauchen, nichts ist harmlos oder ohne Bedeutung. Er schließt die Augen vor diesem Terror, vor diesem Anschlag der Zeichen, um nicht verrückt zu werden. Doch auch das bringt keine Entlastung, alles Gesehene erscheint weiter vor ihm und verlangt seine hermeneutischen Anstrengungen. Er wird panisch, sein Herz rast, die Augen schmerzen, die Beine versagen ihm, er fällt und bleibt liegen, hat Angst umherzuschauen, fixiert eine Hand, deren Zeigefinger nach oben in den blauen Himmel ragt, doch auch diese Geste will sofort verstanden werden, gewährt keine Erholung von der Arbeit des Deutens. Diese Art des Sehens ist keine Gnade, sie ist eine Folter, denn wenn alles zu einem spricht, dann ist es auch möglich, dass man Lügen vernimmt, ohne es zu merken. Es gibt keinen Ausweg, er muss es bis zu einem ungewissen Ende ertragen und dann kapitulieren. Kurz vor seiner finalen Erschöpfung schaut er in ein großes Auge, in dem Buchstabenbänder kreisen. Dann spürt er ein Rütteln und Ziehen, auch ein Rufen, das näher und näher kommt, und als er seinen Namen vernimmt, wird er wach und fragt seine Liebste, die immer noch nicht aufhört, ihn an den Schultern zu schütteln: „Wer soll das lesen?“

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Peace Piece

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Die Schönheit der Zerstörung II

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Die Schönheit der Zerstörung I

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Eggman & Muse

10 Jahre Spazierensehen

Bei einer Impfstelle lese ich Geldfieber und beschließe, einen Spottverein zu gründen.

Eine Verrücktheit wie diese erlaubt mir, den Tag völlig unabhängig zu vergehen und mich haltlos und dabei zunehmend glückhafter zu verblicken.

Mir ist dann, als ob ich ein Doppelleben führe, in dem es Miezen zum Spaßtarif gibt, heiße Brauteinfahrten auf mich warten, der Laberverkauf kein Ende findet, eine Gedenkchirurgie praktiziert wird und Dünkelkissen eine wohlige Wärme verströmen.

Zuletzt erreiche ich das Dormizil und hänge völlig erschöpft mit meiner Muse in den Seilen.

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Neusehland

10 Jahre Spazierensehen

Er ist ein Freibeuter, der auf den Sehstraßen kreuzt. Mal kapert er Sehzeichen, auf die er zufällig stößt, mal schwojt er vor sich hin und beäugt die tummelnden Sehjungfrauen. Meist wahrt er Abstand, keine Sehmeilen, aber gerade so viel, damit alles sich im rechten Licht und Sehwinkel versammelt. Gelegentlich tauscht er mit anderen Sehleuten Geschichten aus oder hört welche, die in ihm derart mächtig widerhallen, dass er sie in Fabeln mit Sehungeheuern bannen muss. Schweigsam sind allein die Bilder, die er auf seinen Routen durch fremdvertraute Gewässer festhält. Viele von ihnen landen in Dateien, bevor sie in einer Sehbestattung enden. Einige Sehsterne jedoch verfangen sich im weltweiten Netz und zappeln in ihrer Agonie so lange, bis sie bemerkt und von anderen Sehfahrenden mit meersilbigen Kommentaren gewürdigt werden. Manchmal führt ihn eine steife Brise in die Irre. Dann gibt er ein Signal und hofft auf die Sehnotrettung. Gerät er in eine Flaute, taucht er seine Finger in die Wellen und wartet, bis sie eine Sehzunge ergreifen. Mit einer vollen Schatztruhe kehrt er in seinen Heimathafen zurück. Dort verteilt er Sehrosen an seine Liebsten und spinnt bei einem üppigen Mahl ausgiebig das Sehmannsgarn. Überschäumende Freude ereilt ihn, wenn er allein in der Camera oscura seine Meerlese sichtet. Ein traumloser Schlaf bringt ihm zuletzt die wohlverdiente Erholung. Doch sobald der nächste Morgen graut und Wind einen heftigen Sehgang verspricht, ertönt auch schon der Schlachtruf: Auf zu neuen Sehufern!                           Dieser Satz löst alle Leinen.

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Tante Auguri

10 Jahre Spazierensehen

Unter zufälligen Planeten suche ich einen Traum. Falls er mich lähmen sollte, werde ich die Zeche prellen und die Schrecknisse versteigern.

In toten Winkeln warten derweil die spendablen Tanten. Die Präzision ihrer Geschenke weicht jedoch einem fernen Verlangen, als ein Mann ihre Taillen vermisst.

Ein kleiner Alias sitzt in der Ecke und rülpst ein Halleluja ins Bild. Mir ist, als sei es ein Echo ohne Rufer.

Lustlos stöhnen die müden Ideenschlepper. Doch der Hl. Dingsdada spendet die nötigten Flausen.

Und so schwebt für lau und gegen alle Logik auf einem Tisch ein heller Schattennimbus. Über solch ein Mirakel sollte beiläufig und ohne Quengelei gelacht werden. Denn sich auf gut Glück zu täuschen gleicht einem ins Blaue entfliehenden Singsang! Darauf verwette ich mein letztes Wort.

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Smiles and more

10 Jahre Spazierensehen

Umhergehen und Eindrücke sammeln hilft. Vor allem an Tagen, an denen ich inwendig verdämmere, zünden kurze Streifzüge helle Stimmungsleuchten in meinem Dachstübchen. Kaum berührt die Ferse den Asphalt, ist da schon das gütige Lächeln im Gesicht einer schönen Unbekannten, und für Sekunden kommt Licht in den dunklen Schacht, in dem ich mich zu verlieren drohe. Dann die freundlichen Alsterarbeiter, die ohne Grund einfach allen Entgegenkommenden laut vernehmlich „Mahlzeit“ wünschen und mir damit unerwarteten Trost spenden. Kein Schritt ist vergeudet, da die Generosität der Straße kein Ende kennt. Selbst den wilden Schrecken, der hinter den Brillengläsern eines Rentners zu sehen ist, als er ein Pulk Jugendlicher, die sich Musik vorspielen, umgehen will und sich plötzlich mitten unter ihnen befindet, sehe ich als eine Ablenkung. Und die kleine Wolke, die sich vor die Sonne schiebt und dabei meinen eben noch prächtigen Schattenriss verschwinden lässt, hebt wie nebenbei meinen Gemütspegel an. All diese Mini-Schauspiele, die fortwährend sich selbst verzehren, bringen mich augenblicksweise auf andere Gedanken. Sie gewähren die Freiheit, ratend und rätselnd kurze Geschichten zu erfinden, die mit ihren verlorenen Anfängen und losen Enden mein Tagesbewusstsein bevölkern und mir beistehen wie Freunde, die einem die Hand zum Gruß reichen. Was für eine plötzliche Weite in der vermeintlichen Enge des Kopfes. Vorwärts also, immer wieder, denn hinter der nächsten Ecke verschiebt sich der Horizont aufs Neue.

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Pixeluchs

10 Jahre Spazierensehen

Surreale Prosamen

Der Mond eines Daumennagels scheint über den Ufern meines Traums, der mich an gepolsterte Bäume glauben lässt, die über den honiggelben Dächer schweben.

Am Rande zerfließender Treppen fallen fröhliche Schatten ins gasblaue Licht, in dem ich mit meinen Klomuscheln spiele.

Ein bauchiger Bartträger verkündet seinen pomaden Stolz mit abstrusen Worten, die mich in die Umnachtung schicken.

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Where is everybody?

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