Tranches de vie XXI

Das Muse ächzt im festen Einband, die Leinwand reißt unter dem Aufprall einer Faust, ein unbestechliches Regime beginnt, die Zeilen jagen vorbei, und ich muss sehen, wo ich bleibe, während die Ziegel fliegen lernen und das Dach sein Balkenwerk preisgibt, doch selbst der blaue Himmel und ein Sonnenschein vom Feinsten können mich nicht hindern, das Grau in den Augen derer zu bemerken, welche die mögliche Version dieses Tages bezweifeln und mich zwingen, zurück ins Glied zu treten und das Maul zu halten. Das kann ich aber nicht, es ist mir zu schwer, und schon erleichtere ich mich hemmungslos, denn was ich nun sehe, ist phänomenal: Eimer voller Blei drücken die Bretter durch, die Träger neigen sich einander zu, Tauben kreuzen die Blicke derer, die oben auf dem Gerüst nur arbeiten wollen und nun ins Schwingen der Konstruktion einstimmen müssen, um nicht vollends zu fallen. Unterdessen formen sich am Boden die anderen zu Schaulustigen und warten, was passieren wird, da auch der Wind zunimmt, doch nichts folgt, das Gerüst hält stand, verweigert das Drama, hält die Arbeiter oben, die langsam den Rhythmus finden und nun, fast schon tänzerisch, auf den unsicheren Brettern balancieren und dabei schlichte Gassenhauer trällern. „Blitze schlagen nicht in Brennnesseln ein“, so das abschließende Statement des Poliers, mit dem er das Ereignis mit einem Sprichwort in die Grenzen des allgemeinen Menschenverstands einzuhegen versucht, doch niemand glaubt ihm. Der Polier ist über derlei Firlefanz erhaben und wendet sich der kalten Venus zu, wie er seine Gattin mit zärtlichem Nachdruck und in Erinnerung an gemeinsame Mühen nennt, die eben eintrifft und ihn mit einem Schirm aus Seide empfängt, auf dem sich die Konturen eines Pumas im Sprung zu erkennen geben. Von diesem Abgang ernüchtert, treten die anderen beiseite und schauen dem Paar nach. Die Arbeiter bleiben von allem unberührt und ordnen weiter ihre Dachpfannen.

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Locken

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Umsonst und draußen

Für J

Gestern war ich auf dem Konzert eines bekannten Jazzpianisten, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bühnenjubiläum feierte. Mit seinem Trio gastierte er im Musikpavillon von Planten un Blomen und überraschte das Auditorium zunächst mit hart hämmernden Beats und schwirrenden Elektrosounds. Dann folgte eine innige Ballade, die er am Flügel spielte und die alle Hörer sofort verzückte. Während eines Solos des Bassisten stand eine große Frau in einem langen blauen Kleid auf und lief gemächlich auf braunen Lederpumps durch die Reihen der Sitzenden hindurch. Sie hatte sicherlich schon das Ende ihrer sechziger Jahre erreicht, aber die schöne Statur und natürliche Eleganz ihrer Erscheinung zog die Blicke schlagartig an sich. Sie schritt mit sanft schwingenden Hüften und silbergrauen Haaren langsam durch die Menge, ringsum lächelten ihr einige zu, niemand echauffierte sich über den Zeitpunkt ihres Auftritts, bei dem sich die besinnliche Stimmung der Musik als ein angemessener akustischer Hintergrund erwies. Selbst die melodischen Arpeggien, die der Pianist wiederholt in den Luftraum perlen ließ, schienen sich an ihre schlanke Gestalt zu schmiegen und ihren Bewegungen ein leichtes Wogen zu verleihen. Es war, als würden die Zuhörer wie verzaubert ihrer reifen Schönheit huldigen, so willfährig folgten ihr nicht nur die Köpfe, sondern alle machten auch ohne Murren Platz, neigten sich zur Seite, damit sie ungehindert ihr Ziel erreichen konnte. Was war nur los mit uns? Was an dieser körperstolzen und zugleich völlig unprätentiös daherkommenden Frau hatte uns bezirzt? War es ihre genuine Noblesse, die sie uns mit Charme, aber ohne Allüren darbot? Oder waren wir durch die Ballade von einer melancholischen Sanftmut ergriffen worden, so dass wir nicht anders konnten, als uns der unwiderstehlichen Ausstrahlung, die von ihr ausging, zu unterwerfen? Dabei bewegte sie sich ohne jede Caprice durch die Reihen, lächelte hier und da jemanden an, berührte sachte andere und bat stumm um Verzeihung für die Störung. Aber als eine solche nahm offensichtlich keiner ihren Auftritt wahr, vielmehr als eine willkommene Aktion, der man mit friedlicher Verwunderung zusah, da sie die Musik mit einer anmutigen Choreografie ergänzte. Als sie bei mir, der ich auf einer niedrigen Stufe saß und das Schauspiel verfolgte, vorbei kam, erreichte mich ein parfümierter Luftzug, der an den Duft frischer Orangen erinnerte, und ihr langes Kleid bauschte sich im Vorübergehen derart auf, dass mein Kopf für Sekunden unter dem blauen Stoff verschwand. Aus dieser momentweisen Verdunkelung tauchte ich verdutzt auf und konnte gerade noch ihr fein mit Falten durchzogenes Gesicht erkennen, dessen Mimik zu sagen schien: „Keine Bange, ich komme zurück!“ Doch da hatte ich mich getäuscht: Sie kam nicht wieder, aber ihr schöner Schein blieb in Gedanken bei mir, bis die Musik mit einem Zischen des Beckens verstummte und, nach einer kurzen Weile, der Applaus die Spannung löste.

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Humilitas

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Mood de jour XI

Was für ein trübes Licht am Morgen. Du bist weg und alles wird eng. Dein Lippenstift auf meinen Lippen, noch Stunden nach unserem letzten Kuss. Krähen krächzen, der Verkehr rauscht, die Blätter glühen sanft im Dämmer. Ich weiß nicht wohin mit mir ohne dich. In Gedanken beginne ich deinen Pelz zu kämmen. Später stolpere ich über das Wort Stampede, schlage nach: unvermittelte Fluchtbewegung – Volltreffer, dann bin ich meistens mitten in einer Stampede. Während der Siesta erwache ich mit Harndrang. Auf dem Weg zum stillen Ort komme ich in einen Raum, den ich nicht verlassen will, etwas in mir sträubt sich, und so trete ich in ein tiefes Schwarz. Nichts ist zu sehen, auch kein Laut zu hören, eine stockdunkle Stille, die mich umfängt. Mein Körper wird leichter und leichter und plötzlich berühren mich Federn, so zart, dass ich vor Erregung zittere. Furchtlos schwebe ich im Leeren, ein sanfter Lufthauch zieht über meine Haut, auf der ich einen Druck spüre, der immer stärker wird, anschwellender, und ich sehe, wie sich ein klitzekleiner, milchiger Lichtfleck bildet, der sich ausbreitet und mich in eine wirbelnde Bewegung versetzt. Ein Sausen und Sauen geht in ein Lösen über, durch das ich zu mir komme. Ich sitze auf der Klomuschel, doch der Strahl bleibt aus. Ein mattes Warten überfällt mich, in dem ich Reflexionen hege, die mich schlecht aussehen lassen, denn ohne dich fallen nur Ängste über mich her. Wie hineinkommen in diesen trüben Tag? Ich greife zu einem Buch, doch auch hier drifte ich ab, unterstützt von kapitalen Verlesern: „Er hatte schon oft so in die Schreibe eines Zuges geschaut, und fast immer hatte ihn dabei eine sattsame Melancholie ergriffen.“ Im Niemandsland willkürlicher Deutungen, im Dickicht der Assoziationen. Nachmittags beobachte ich, wie die Alten gemessenen Schrittes im Park umhergehen und dabei versonnen die welken Blätter anlächeln, die sich schon auf den Wegen häufen. Am frühen Abend atme ich auf: DU kommst zurück, endlich.

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Short cuts XXXIX

Gestern wurde die junge Praktikantin in einer Bäckerei von einer Vollzeitkraft darüber belehrt, dass ein Fünfzigeuroschein mit einem Stift auf seine Echtheit zu prüfen sei, und wenn der gezogene Strich schwarz würde, dürfte sie den Schein nicht annehmen, worauf ich schüchtern fragte, ob denn der von mir zur Bezahlung überreichte Schein gültig sei, worauf die Belehrende prompt antwortete: „Da haben Sie gute Arbeit geleistet“. Dies nötigte mir ein Lächeln ab und ich hatte den rettenden Gedanken, mit dieser „guten Arbeit“ mein Tagessoll an Tüchtigkeit schon erbracht zu haben. Den Rest der sonnensatten Stunden wollte ich in wohliger Untätigkeit verbringen, was ich dann auch tat, nein: mit mir geschehen ließ. Im abnehmenden Licht der Dämmerung kam eine kühle Luft mich an, die Finger und die Nasenspitze wurden kalt, doch ich harrte aus und tauchte ein in Sätze, die ein Leben vorgaukelten, voller Hingabe und ohne Vorbehalte, ein Leben, wie es nur im Buche stehen kann.

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O?

Einst füllte er die Gassen und Plätze mit Flüchen und Sprüchen, doch jetzt entfährt ihm meist nur noch ein langgezogenes O, wenn er öffentlich auftritt und ihm die Zuhörer zujubeln und anfeuern, ja geradezu auffordern, wieder einmal so richtig aus der Rolle zu fallen und vom Leder zu ziehen, gegen alles und jeden, doch er, zerknirscht und kleinmütig, bleibt ungerührt bei seinem O, in das er allerdings stimmlich all seine Enttäuschung ob der menschlichen Spezies legt, seiner stolzgeschwellten Artgenossen, die er am liebsten komplett, inklusive seiner Wenigkeit, in dieses O einschließen und versiegelt mit Pauken und Trompeten ins Nirwana transportieren würde, damit dieser apfelrunde Planet endlich wieder ungestört seine Runden durchs All drehen könnte, aber immer wenn es mit ihm durchzugehen droht, bremst ihn etwas aus und von seinen Lippen stößt sich einzig das leere O ab, hinter dem er für alle vernehmbar ein ? setzt, das einer Skulptur gleicht, die Rätsel aufgibt und eine schier endlose Funkstille eintreten lässt, in der nur die welken Blätter rauschen, durch die er dann davonjagt, um den nötigen Abstand herzustellen, der ihm erneut mit jener bisher völlig unerforschten und ihm selbst unbegreiflichen Kraft ausstattet, die es möglich macht, wieder Atem zu schöpfen für den nächsten Umzug, an dessen vorläufigem Ende erneut das schon legendäre O erklingen wird, das nichts zu verstehen, aber vieles zu denken aufgibt, zumal, wenn das ? dahinter immer monumentaler den Luftraum einnimmt.

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Sugar Daddy

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Tranches de vie XX

Ich stecke mal wieder in Verhandlungen mit meinem IS, ob und wann Marika flach gelegt werden soll. Noch steht sie als eine in sich gekehrte Muse in der Ecke. In ihrem Blau liegen Versprechen und Nötigung täuschend echt beieinander, und ihr stummes Werben entlockt dem Zögernden die ersten Schritte in ihre Richtung. Noch liegen Welten zwischen ihnen, doch bald könnten sie auf dem Boden im Stellungsspiel der Dehnungen und Streckungen ihre Glieder ineinander verschlingen. Aber der IS übt weiter seine verheerende Macht der Demotivation aus, unterdrückt jede Regung, jede Muskelzuckung und lähmt die Entschlusskraft. Noch liege ich nicht auf ihr und übe meinen Körper in schmerzlustvollen Bewegungen, die nichts als die eigene Verausgabung wollen müssen. Es ist ein Patt: sie, eingerollt und voller Erwartung, ich, gebremst und zugleich gebannt, und der IS, wie immer im Vollbesitz seiner verhindernden Kräfte. Noch gibt sie sich nicht hin, noch lösen sich nicht meine Glieder, noch lässt der IS mich und uns nicht gewähren, noch herrscht die pure Unentschiedenheit, und diese kommt dem eitlen Genuss des Schreibenden entgegen, der für dieses Pari Worte verliert, ohne ihnen Taten folgen zu lassen. Das wäre ja auch zu einfach und mitnichten mitteilenswert, erst die Spannung des Für und Wider und das Still-Leben streitender Impulse fordert das Ausdrucksvermögen heraus und lässt diese Zeilen hier entstehen. Das Noch-Nicht, die Fermate im Zeit- und Handlungsfluss, nötigt zum Schreiben, alles andere wären nur Vollzugsmeldungen. Im Zögern und Zaudern nistet das Surplus der Imagination. Und so bleibt Marika heute morgen ohne Einsatz. Der IS hat gesiegt: scrivo, non vivo!

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Tension

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