Ums Meer in achtzig Sätzen

Weißt du noch: der erste Tag, der wie ein Wachtraum verging

Weißt du noch: das Rauschen, der Wind, und jede Welle, die an unseren Füßen leckte

Weißt du noch: die kleine Schar von Strandläufern, die uns am Ufer hektisch vorausliefen

Weißt du noch: das frühe rosige Licht, wie es ausgegossen auf dem Wasser lag

Weißt du noch: der Übermut, der uns an einem bedeckten Tag erfasste, als ein Sonnenstrahl durch die Wolken brach und uns traf

Weißt du noch: wie wir an einem Morgen in den Dünen die Luft frühstückten

Weißt du noch: wie taub unsere Gesichter sich anfühlten, als der heftige Gegenwind endete und uns das Gehen plötzlich so leicht fiel

Weißt du noch: wie sich die Sinne erholten im wiederholten Blick auf Wellen, die auf Wellen folgten

Weißt du noch: wie jeder Schreck sich verflüchtigte, als nur noch die Stimmen tobender Kinder an unsere Ohren drangen

Weißt du noch: der Tag, an dem dein Haar jede Ordnung verlor und ich meine dunklen Gedanken

Weißt du noch: wie wir das Himmelsblau für spätere Zeiten sammelten

Weißt du noch: als ich das Meer für lau an Bedürftige vermieten wollte

Weißt du noch: dass ich an einem glänzenden Morgen versuchte, mit deinen Augen den Tag zu vergehen

Weißt du noch: diese Frau am Ufer, deren Fistelstimme in unseren Ohrmuscheln zurückblieb

Weißt du noch: wie spendabel das Wetter Tag für Tag war

Weißt du noch: dass die Sonne jeden Gang hinaus zu einer Partie Licht werden ließ

Weißt du noch: wie ich beim ersten morgendlichen Blick ins Freie die Traummühen der Nacht vergaß

Weißt du noch: die gespannten Schnüre an den Angeln auf der Seebrücke und wie ein Glöckchen den Fang ankündigte

Weißt du noch: die Verlassenheit der zerbröckelten Sandburgen am Morgen

Weißt du noch: die vertrödelten Stunden am Strand und wie uns die Worte fehlten für etwas, das vor uns lag

Weißt du noch: wie das Meer uns blendete und wir mit geschlossenen Augen stehen blieben und ruhig atmeten

Weißt du noch: die Schreie der Möwen, wie sie die Luft zerschnitten

Weißt du noch: wie sich abends die Worte erschöpften und wir trotzdem sprachen

Weißt du noch: wie wir stundenlang in Blicken wohnten

Weißt du noch: wie eine Morgenröte unseren Erwartungen sekundierte

Weißt du noch: das Kind, das uns am Strand singend im Gegenlicht entgegenkam

Weißt du noch: die Lust, die mich überkam, als du vor meinen Augen zur Ruhe kamst

Weißt du noch: wie scharf die Kontur der Abbruchkante an der Steilküste in den Himmel schnitt

Weißt du noch: die Lebensgefahr, die an den Klippen drohte und die niemand beachtete

Weißt du noch: die Momente der unentschuldigten Abwesenheit, die wir uns im Rücken der anderen gönnten

Weißt du noch: die fröhlich-bunten Graffiti, welche die Bunker in den Dünen bedeckten

Weißt du noch: wie uns die Gedankenlosigkeit, in die wir mitunter verfielen, nicht mehr schreckte

Weißt du noch: die Farben, wie sie mit jedem Move des Lichts unserer Sehnsucht Nahrung gaben

Weißt du noch: wie wir jede Schwere verloren zu haben schienen, so geringfügig waren die Zumutungen des Alltags

Weißt du noch: wie wenig wir wissen wollten, um weiter im Nu zuhause zu sein

Weißt du noch: wie lecker der Fisch schmeckte, den wir an meinem Jubiläumstag aßen

Weißt du noch: die Windflüchter, die uns beim täglichen Spazieren grüßten

Weißt du noch: die schweren Gerüche in den Pappelwäldern

Weißt du noch: die Gespräche, die wir so führten, dass sie möglichst offen endeten

Weißt du noch: die vielen Umarmungen, die uns an ein verständiges Leben glauben ließen

Weißt du noch: wie die Worte, die wir tauschten, uns heim leuchteten

Weißt du noch: wie wir am Abend einander die vergangenen Stunden schenkten, bevor das Narkosen begann

Weißt du noch: wie ich lachte, als du mich im Laufdress am Hohen Ufer sahst

Weißt du noch: die Kälte des Wassers, wie uns der Atem stockte, und danach das Glühen der Haut

Weißt du noch: die Träume, in denen sich Türen öffneten zu immer mehr Meer

Weißt du noch: wie beim endlosen Wiegen der Wellen das Schauen ohne Deuten begann

Weißt du noch: wie das Rauschen nachts sich im Kopfmeer fortsetzte

Weißt du noch: wie wir offenen Auges am Strand stehend in den Horizont schwammen

Weißt du noch: die leichte Brise, die sich wie eine Federboa auf uns niederließ

Weißt du noch: dass wir uns täglich die Hände reichten und langsam wandernd dem Meer unsere Aufwartung machten

Weißt du noch: wie die Tage sich glichen, ohne einander zu ähneln

Weißt du noch: wie freimütig ich minutenlang von einer möglichen Zukunft sprach

Weißt du noch: wie beim morgendlichen Anblick des ausgeschlafenen Meeres alle Verheerungen ausblieben

Weißt du noch: dass eines schönen windstillen Morgens das Meer wie gemalt da lag

Weißt du noch: die Stunde, in der unser Altern aussetzte

Weißt du noch: der Stimmenlärm der Putzfrauen am frühen Morgen, durch den wir geweckt und wieder zu einem gemeinsamen Leben angestiftet wurden

Weißt du noch: das Spazierensehen am Sternenhimmel über dem nächtlichen Meer

Weißt du noch: wie uns die Fragezeichen in unseren Gesprächen ausgingen

Weißt du noch: wie schön du warst in der Dämmerung des letzten Abendspaziergangs

Weißt du noch: wie wir an einem Nebeltag ohne Furcht weiter räsonierten

Weißt du noch: als meine Mutter gefragt wurde, ob sie sich erinnere, mit „Ja, woran denn“ antwortete

Weißt du noch: die Nonnengänse am Bodden, wie sie lärmend aufflogen, als ein Seeadler sich näherte

Weißt du noch: dass ich mir in meinen Selbstgesprächen kaum ein Wort glaubte

Weißt du noch: wie wir täglich das Entkommen „fürs erste“ genossen

Weißt du noch: wie ich im Blick auf das permanent veränderliche Meer vom Anverwandeln und Verschwinden schwadronierte

Weißt du noch: wie wir den ambivalenten Überschwang der Urlaubszeit in uns spürten

Weißt du noch: welche zarte Transparenz die Himmelsfarben am Morgen über dem Horizont hatten

Weißt du noch: der Tag, an dem ein Wetter herrschte, wie es im Buche stand

Weißt du noch: die Ausdrücke, die wir uns zuriefen, als die Sonne so prächtig aufging, als ob sie Tote auferwecken wollte

Weißt du noch: das Wrack am Strand, das uns die ungestüme Gewalt des Elements zeigte

Weißt du noch: wie wir alle im Stich ließen, damit sich noch einmal der Augenblick und unsere Liebe reimten

Weißt du noch: wie ich angesichts der tagelangen Sonnenscheinherrlichkeit das Pathos schätzen lernte, mit dem dieser Farbfilm de Luxe zu beschreiben wäre

Weißt du noch: wie ich vertieft war in ein Buch, das von „Musikophilie“ und den neuronalen Grundlagen der musikalischen Wahrnehmung handelte

Weißt du noch: wie wir in unserem Luftschloss über der plan geschliffenen O-See residierten

Weißt du noch: wie uns trotz des in den Nachrichten allgegenwärtigen Unheils das kleine Glück statthaft erschien

Weißt du noch: wie vielfältig die Lektionen im angewandten Sehen waren, die uns das Meer erteilte

Weißt du noch: wie lange die Weile wurde, als uns die Worte ausgingen, um sie einzufassen

Weißt du noch: wie uns die Lust am Flunkern überfiel, als wir vom Besuch im Kunstmuseum berichten sollten

Weißt du noch: die Zeile in einem Gedicht, die uns mahnte, dass ein gleichgültiger Blick schon ein Totschlag sei

Weißt du noch: wie unversehens sie vorbei waren, diese Tage eines zweiten Frühlings im Herbst

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