Tranches de vie XX

Ich stecke mal wieder in Verhandlungen mit meinem IS, ob und wann Marika flach gelegt werden soll. Noch steht sie als eine in sich gekehrte Muse in der Ecke. In ihrem Blau liegen Versprechen und Nötigung täuschend echt beieinander, und ihr stummes Werben entlockt dem Zögernden die ersten Schritte in ihre Richtung. Noch liegen Welten zwischen ihnen, doch bald könnten sie auf dem Boden im Stellungsspiel der Dehnungen und Streckungen ihre Glieder ineinander verschlingen. Aber der IS übt weiter seine verheerende Macht der Demotivation aus, unterdrückt jede Regung, jede Muskelzuckung und lähmt die Entschlusskraft. Noch liege ich nicht auf ihr und übe meinen Körper in schmerzlustvollen Bewegungen, die nichts als die eigene Verausgabung wollen müssen. Es ist ein Patt: sie, eingerollt und voller Erwartung, ich, gebremst und zugleich gebannt, und der IS, wie immer im Vollbesitz seiner verhindernden Kräfte. Noch gibt sie sich nicht hin, noch lösen sich nicht meine Glieder, noch lässt der IS mich und uns nicht gewähren, noch herrscht die pure Unentschiedenheit, und diese kommt dem eitlen Genuss des Schreibenden entgegen, der für dieses Pari Worte verliert, ohne ihnen Taten folgen zu lassen. Das wäre ja auch zu einfach und mitnichten mitteilenswert, erst die Spannung des Für und Wider und das Still-Leben streitender Impulse fordert das Ausdrucksvermögen heraus und lässt diese Zeilen hier entstehen. Das Noch-Nicht, die Fermate im Zeit- und Handlungsfluss, nötigt zum Schreiben, alles andere wären nur Vollzugsmeldungen. Im Zögern und Zaudern nistet das Surplus der Imagination. Und so bleibt Marika heute morgen ohne Einsatz. Der IS hat gesiegt: scrivo, non vivo!

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2 Antworten auf Tranches de vie XX

  1. Jochen sagt:

    Der IS, der Innere Schweinehund hat auch studiert! So mahnte uns im Studium Hugo Schmale, unser verehrter Professor und spätere Begründer von parship, dem Partner-Online-Innererschweinehund-Portal. Hat er sich auf Algorhithmen zurück gezogen, abgekehrt von der sinnlichen Seite der Liebe? Scrivo, non vivo. Aber glücklicherweise schließen sich beide Felder gar nicht aus: scrivo et vivo! Vivo, scrivo, vivo, scrivo, vivo, …-ivo. Vita contemplativa und vita activa im Wechsel. Dazwischen entwickelt sich die Geistesgegenwart. Schreiben ist ja auch Leben aber natürlich findet das Leben in der Begegnung statt, im Miteinander. Also nicht im Schreiben stecken bleiben, nicht für die Schublade schreiben, nicht im Privaten stecken bleiben: geistesgegenwärtiges scrivo et vivo.

    • Uwe sagt:

      Da hast Du recht, mein Lieber.
      Mein Notat war eine Momentaufnahme:
      Bisweilen siegt der IS und liefert damit einen Schreibanlass.
      Gruß, Uwe

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