Umsonst und draußen

Für J

Gestern war ich auf dem Konzert eines bekannten Jazzpianisten, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bühnenjubiläum feierte. Mit seinem Trio gastierte er im Musikpavillon von Planten un Blomen und überraschte das Auditorium zunächst mit hart hämmernden Beats und schwirrenden Elektrosounds. Dann folgte eine innige Ballade, die er am Flügel spielte und die alle Hörer sofort verzückte. Während eines Solos des Bassisten stand eine große Frau in einem langen blauen Kleid auf und lief gemächlich auf braunen Lederpumps durch die Reihen der Sitzenden hindurch. Sie hatte sicherlich schon das Ende ihrer sechziger Jahre erreicht, aber die schöne Statur und natürliche Eleganz ihrer Erscheinung zog die Blicke schlagartig an sich. Sie schritt mit sanft schwingenden Hüften und silbergrauen Haaren langsam durch die Menge, ringsum lächelten ihr einige zu, niemand echauffierte sich über den Zeitpunkt ihres Auftritts, bei dem sich die besinnliche Stimmung der Musik als ein angemessener akustischer Hintergrund erwies. Selbst die melodischen Arpeggien, die der Pianist wiederholt in den Luftraum perlen ließ, schienen sich an ihre schlanke Gestalt zu schmiegen und ihren Bewegungen ein leichtes Wogen zu verleihen. Es war, als würden die Zuhörer wie verzaubert ihrer reifen Schönheit huldigen, so willfährig folgten ihr nicht nur die Köpfe, sondern alle machten auch ohne Murren Platz, neigten sich zur Seite, damit sie ungehindert ihr Ziel erreichen konnte. Was war nur los mit uns? Was an dieser körperstolzen und zugleich völlig unprätentiös daherkommenden Frau hatte uns bezirzt? War es ihre genuine Noblesse, die sie uns mit Charme, aber ohne Allüren darbot? Oder waren wir durch die Ballade von einer melancholischen Sanftmut ergriffen worden, so dass wir nicht anders konnten, als uns der unwiderstehlichen Ausstrahlung, die von ihr ausging, zu unterwerfen? Dabei bewegte sie sich ohne jede Caprice durch die Reihen, lächelte hier und da jemanden an, berührte sachte andere und bat stumm um Verzeihung für die Störung. Aber als eine solche nahm offensichtlich keiner ihren Auftritt wahr, vielmehr als eine willkommene Aktion, der man mit friedlicher Verwunderung zusah, da sie die Musik mit einer anmutigen Choreografie ergänzte. Als sie bei mir, der ich auf einer niedrigen Stufe saß und das Schauspiel verfolgte, vorbei kam, erreichte mich ein parfümierter Luftzug, der an den Duft frischer Orangen erinnerte, und ihr langes Kleid bauschte sich im Vorübergehen derart auf, dass mein Kopf für Sekunden unter dem blauen Stoff verschwand. Aus dieser momentweisen Verdunkelung tauchte ich verdutzt auf und konnte gerade noch ihr fein mit Falten durchzogenes Gesicht erkennen, dessen Mimik zu sagen schien: „Keine Bange, ich komme zurück!“ Doch da hatte ich mich getäuscht: Sie kam nicht wieder, aber ihr schöner Schein blieb in Gedanken bei mir, bis die Musik mit einem Zischen des Beckens verstummte und, nach einer kurzen Weile, der Applaus die Spannung löste.

Dieser Beitrag wurde unter Texte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten auf Umsonst und draußen

  1. Francis J sagt:

    Au début, j’ai pensé à Ahmad Jamal, mais ça ne collait pas tout à fait avec son âge. Puis l’arrivée de la grande femme vêtue d’une robe bleue m’a mené vers des contrées inconnues, sans que je puisse mettre un nom sur le pianiste. Et qu’importait, puisque la grande femme en bleue devenait le vrai sujet de ce beau texte, en nous emportant à chaque phrase plus loin encore dans un univers merveilleux. Comme si de notre univers nous avions glissé vers une autre occurrence du multivers qui englobe tous les univers.

  2. Uwe sagt:

    Danke, Francis.

    Es war Jasper van’t Hof:

    https://www.jaro.de/de/jasper-vant-hof-b-e-trio/

    Und die Frau in Blau, nun ja:
    Jetzt, ein paar Tage später und nach diesem Text,
    kommt sie mit fast schon wie eine Traumerscheinung vor.

    Gruß Uwe

  3. Jochen sagt:

    Danke Uwe für den flüchtigen Moment. Dazu ein Haiku:

    Frau in Blau! Jasper
    im Flow ganz bei sich – stille
    Noblesse: wie im Traum

    Gruß,
    Jochen
    http://www.stimmhaus.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.