Hain

Angeregt von einer Besprechung machte ich mich auf, um ein Buch zu besorgen. Da ich Lust auf Bewegung hatte, schlug ich einen Umweg ein, der mich erst nach einer Stunde zur Bücherstube führte. Dort ging ich sogleich zum Tisch mit den Neuerscheinungen, nahm die bunten Umschläge in Augenschein, sah Namenszüge und Titel, die mir bekannt vorkamen, doch das gesuchte Buch war nicht zu finden. Ich fragte nach und der Buchhändler verschwand in einem Hinterzimmer. Wenig später kehrte er zurück und gab mir das Gewünschte mit der Bemerkung: „Ich schenke es Ihnen. Das ist nichts für mich, dazu bin zu ungeduldig. Kein Plot, nur Beschreibungen und Beobachtungen über Verlust, Tod und Trauer.“ Ich war beschämt und wollte es bezahlen. Er jedoch bestand darauf, es mir zu schenken, da es ohnehin ein Leseexemplar des Verlages sei. Ich ließ ihn wissen, dass ich die Literatin schätze, gerade wegen ihrer luziden Sprache und der Vorliebe für melancholisch grundierte Natur- und Landschaftsschilderungen, worauf der Buchhändler beteuerte: „Dann ist es doch gut so. Ich schenke es Ihnen, es bereitet Ihnen Freude und das wiederum macht mir Freude. Ohnehin hatte ich heute morgen nach dem dritten gescheiterten Versuch, darin zu lesen, beschlossen, es nicht ins Sortiment aufzunehmen und das Leseexemplar dem ersten Kunden, der danach fragt, zu überlassen. Und das sind Sie.“ Mit einem Lächeln bedankte ich mich, steckte das Geschenk ein und verließ den Laden. Bei einer Bank setzte ich mich, schlug das Buch auf, begann zu lesen, und von Zeile zu Zeile füllte mich ein Glücksgefühl aus, das noch jetzt, beim Schreiben dieses Notats anhält und das es mir leicht macht, zu behaupten: Es gibt ihn, den Gott des günstigen Augenblicks, der mich an diesen Ort zu genau dieser Stunde geführt hatte.

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Eine Antwort auf Hain

  1. Francis J sagt:

    J’aime beaucoup cette histoire, en particulier l’idée du „moment favorable“. J’en ai connu quelques uns, me semble-t-il. Avec le recul, sachant vers quoi m’ont mené quelques uns de ces moments que j’ai cru favorables, je me demande s’ils ont été vraiment favorables. Peut-être est-ce ce que l’on appelle le destin.

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