Monolog eines Straßenfotografen

Täglich gehe ich unter Menschen umher, ich weiß nichts von ihnen, ich kenne sie nicht, sie sind für mich anonym. Ich nehme ihre Bewegung auf, halte dabei Abstand, um den rechten Standpunkt zu finden, sie mit meiner Kamera abzulichten. Ich will nur Zeuge sein, derjenige, der betrachtet und sich abseits hält, derjenige, der von einem Geschehen eine Spur bewahrt, folglich auch derjenige, den es nicht wirklich braucht, da sich alles auch ohne ihn abspielen würde. Doch es bliebe ohne mich nichts zurück, ich halte etwas fest in einer Aufnahme, die das Bild eines Moments zuallererst kreiert, indem sie eine Szene in Raum und Zeit isoliert, ohne Bezug zur vorangegangenen oder nachfolgenden, ein Stillstellen des alltäglichen Lebensflusses in einem Foto, das sich dem Auslösen eines Knopfes verdankt, einer mechanischen Apparatur. Hinter dieser halte ich mich bedeckt, als derjenige, der aufzeichnet und dabei war. Dem Abgelichteten stehe ich genauso fremd gegenüber wie jeder andere, der später dieses Bild betrachten und versuchen wird, den immerzu fliehenden Sinn aus dem Dargestellten herauszulesen. Das Foto zeigt nur, belegt, das etwas gewesen ist, überführt eine Gegenwart in eine Vergangenheit, zeigt Ansichten von Menschen, die im wörtlichen Sinne vorübergehend sind und die scheinbar nicht bemerken, dass ich sie fotografiere. Mich interessiert nur ihre Bewegung, ihr flüchtiges Gehen, ihr Passant-Sein, denn in ihm zeigen sich ihre fragilen oder robusten, lässigen oder angespannten, frischen oder müden Körper, die mir in die Falle gehen sollen und deren Existenz ich mit dem Foto bezeugen will. Deshalb folge ich ihnen wie ein Schatten, mit ihnen Schritt haltend, das Tempo variierend, damit immer die richtige Distanz bewahrt bleibt, jene Distanz, die es erlaubt, sie aufzunehmen auf ihrem Weg durch die Stadt, bevor sie verschwunden sind, bevor sie sich in der Ferne zu Punkten auflösen, von denen keine Spur zurückbleibt, nur Leere. Aber soweit kommt es nicht, denn ich bin hier, ich halte sie in einer Mischung aus Einzigartigkeit und Anonymität fest, in einem Foto, das auch ihre Zerbrechlichkeit, Flüchtigkeit als menschliche Wesen zeigt, die sich auf Nimmerwiedersehen entfernen würden, wäre ich ihnen nicht gefolgt und hätte ein Bild gemacht, das sie zeigt, ein Bild, das nichts erzählt, keine Geschichte, nirgends. Nie werden wir wissen, wer diese Menschen sind, kein Foto kann das erzählen, es sei denn, die Legende klärt darüber auf, die Beschriftung, der Text. Aber schöner ist es, sich die Geschichte zum Bild selber zu überlegen, jeder auf seine Art und jeder anders: Ein Foto ist umso reizvoller, je mehr es diese inneren Texte ermöglicht, die sich beim Betrachten des Fotos einstellen. Dies ist zumindest meine Absicht, wenn ich das Haus verlasse, mich den Straßen mit ihrem Menschenkino hingebe und aus der potentiell unendlichen Fülle ein paar wenige Stand-Bilder einfange, die es ohne meine Kamera nicht gäbe.

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2 Antworten auf Monolog eines Straßenfotografen

  1. Uwe sagt:

    Nur hinter meinem Apparat fühle ich mich wohl, wenn ich den Eindruck habe, ein Bild einzufangen, das noch nicht existiert.
    (Cécile Wajsbrot, Eclipse)

  2. Francis J sagt:

    un monologue qui pourrait être un manifeste. un monologue qui exprime très clairement ta vision de la photographie pour les photographes de rue. qui résume parfaitement la teneur de quelques uns de nos échanges ces derniers mois.
    2020 a donc commencé, chaudement en certains points de la planète. je n’ai guère envie de devenir photographe de guerre, et je pense qu’il en est de même en ce qui te concerne. que 2020 t’apporte de belles découvertes et de croiser des personnes dont tu pourras garder une trace. et puis tout ce qui te permettra de flâner „bon pied bon œil“ dans les rues de la ville.

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