Beschissen wär‘ geprahlt

H musste einen langen Schnitt über seinen Bauch erleiden, eine OP auf des Messers Schneide, sozusagen auf Leben und Tod, die ihn zwischenzeitlich derart betäubte, dass er gar nicht mehr die Intensiv-Station verlassen wollte, so entrückt von allem wie er dort vor sich hin liegen und dämmern konnte, weit weg vom Leben, dem eigenen und dem der anderen, weit weg vor allem von seinem Körper, diesem hinfälligen Wrack, das zu nichts mehr nutzte, das nur noch Last war, eine Last ohne Geist, ohne Mumm, wie er immer wieder seinem jeweiligen Gegenüber mit leisem Stimmchen mitteilte, von all dem lag er weit entfernt in seinem Bett und wurde umstandslos versorgt, so gut, dass er seinen depressiven Gram zu vergessen begann, bis eines Tages die medizinische Vorsehung bestimmte, ihn zu verlegen und er sich ein Zimmer mit einem Schnarcher vor dem Herrn teilen musste, was ihn sehr erzürnte, nicht aber bewog, schnellstmöglich zu gesunden, aufzustehen und die Krankenstatt zu verlassen, nein, im Gegenteil, nun, da er, allen Mophinen entzogen, des eigenen alten Körpers wieder ansichtig geworden war und ihn aufs neue nach allen Regeln des Selbsthasses zu negieren versuchte, gab er auf, blieb liegen, meckerte an allem herum, wurde aggressiv, ja geradezu renitent, fiel in seine Depre zurück, überließ ihr die Kontrolle, verfluchte die behandelnde Ärztin und misstraute allen und jedem, auch seinen Anverwandten, also uns, die es gut mit ihm meinten und die ihn zu mobilisieren versuchten, aber nein, nur nicht bewegen, das war seine Devise, lieber ruhen, keinen Muskel rühren, am besten im Dunkeln und hinter geschlossenen Türen, vom Lärm des Lebens getrennt, der ihn, wie er glaubte, nicht mehr betraf, ihn, den unleidlich Leidenden, der es nicht mehr schaffte, die Hürden zu nehmen, die Zügel anzuziehen, den Tag zu begehen, der es nicht mehr schaffte, sich selbst zu ertragen, dieses Häufchen Elend dämmerte fortan vor sich hin, verzagt und ohne jeden Wunsch nach einer Besserung, und auch die täglichen Besuche heiterten ihn nicht auf, vielmehr nutze er die leibliche Gegenwart seiner Lieben für ein Bad in Selbstmitleid, bei dem er immer wieder betonte, dass dies kein Leben und er vollends ein gebrochener Mann sei, auf den nur noch der EINE warte, bis es uns zu bunt wurde und wir ihn verließen, aber nur, um am nächsten Tag wieder aufzutauchen mit unserem unbeirrbaren Optimismus, doch es tat sich nichts, H machte nicht mit, er ließ sich und uns im Stich, verweigerte sich, verlor den Appetit, trank zu wenig, bekam Infusionen, die ihn wieder ans Bett ketteten, an seine von ihm herbei gesehnte Immobilität, zu unserem Leid- und seinem Freudwesen, wie angeschlagen an ein höchstpersönliches Kreuz wirkte er, die Hände beidseits des mageren Rumpfes abgelegt, die Beine schlaff und ohne Spannung, das Gesicht eingefallen, ohne Mimik und mit stierem Blick in eine Leere, von der wir Verschonten zugegebenermaßen nichts ahnen konnten, der wir folglich auch nichts entgegenzusetzen hatten, nur unseren Willen, sie noch nicht lebensbestimmend werden zu lassen, er aber hatte sich ergeben, schrumpfte zusammen, konnte kaum noch selbstständig gehen, bis eine neue Verordnung ihn traf und er, da klinisch nichts mehr zu tun war, abermals verlegt wurde, nun in die sogenannte Rehabilitation, wo er vitalisiert und wieder zu Kräften kommen soll, damit er selbständig und ohne fremde Hilfe wieder seinen Alltag bewältigen kann, aber wozu das alles, fragt er sich und uns, wozu sich aufraffen in ein Leben ohne Ziel, ohne Perspektive, ohne Sinn, ein Leben, das schon vor der OP nicht mehr das seine war, zumindest war er nicht mehr Herr seines Ich, das zunehmend schwand, alles wurde weniger, und nur die Dinge, die sich vor ihm bergehoch aufbauten und die ihm Angst machten, wurden mehr, eine Angst, die ihn lähmte, eine Angst, die nie schlief, so dass selbst das morgendliche Aufstehen aus dem Bett zu einer Mordsanstrengung wurde, die nicht selten kläglich scheiterte, wodurch er ganze Tage liegend verbrachte, wozu also diese Mobilisierung, was soll diese Reha für einen, der mit seinem Leben Tag für Tag nichts mehr anzufangen wusste und es auch jetzt nicht weiß, der zu nichts Lust hat, keinen Mumm, zu gar nichts, der in einer umfassenden Lebenssinnkrise feststeckt, in einer abgrundtiefen Depre, und die OP, die er zwar glücklich überstand, hat ihm nur noch einmal vor Augen geführt, wie nichtsnutzig und hinfällig sein Körper ist und dass er keinen Geist mehr hat, der es mit seiner leiblichen Verfassung aufnimmt, der ihr Paroli bietet, und so kann er nicht einmal mehr auf ein baldiges Ende hoffen, nein, das wäre schon ein Zuviel an Aktion, nein, er lässt, auch in der Reha einfach alles sein, ergibt sich dem langsamen Verfall, dem Schwinden seiner Muskeln und seines Fleisches, wehrt sich nicht, nimmt die Appetitlosigkeit hin, verliert zunehmend jegliche körperliche und seelische Spannkraft, mithin alles, was ihn sieben Jahrzehnte an-, fort- und weitergetrieben hat, und wird, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, in saft- und kraftloser Starre enden, im abschließenden Negativismus aller Glieder, und wir, die Angehörigen, die nächsten Verwandten, stehen ratlos vor dem Liegenden, der uns immer fremder wird in seiner Lebensunfähigkeit, wie auch wir in unserer unverminderten Lebenswilligkeit ihm ein ständiger Vorwurf werden, bis er die Augen schließen wird, sobald wir das Zimmer betreten, um unsere Anwesenheit nicht länger ertragen zu müssen, dann aber ist nicht mehr viel zu tun, weder von ihm noch von uns, dann bleibt nur noch ein unumkehrbarer Prozess des Auslaufens, ein Fade out, das Fait accompli des Todes, noch aber ist er in der Reha, noch ist eine Umkehr möglich, wenn es auch nur für ein verlängertes Absitzen seiner Lebenszeit reichen wird, denn mehr ist nicht drin in diesem Häufchen Elend, das mal mein Vater war und der seit Jahren schon sich selbst abhanden gekommen ist und nicht mehr die Kraft besitzt, sich erneut auf die Suche zu machen, die Reha aber ist noch nicht am Ende, hat erst begonnen, und so will ich diesen langen Satz deutungsoffen enden lassen …

PS
Nach einer Woche Reha: wechselnde Tagesformen, mal bemüht, mal renitent, zwischen den aktiven Zeiten, in denen er motiviert und angeleitet und unterstützt wird, herrschen immer wieder lange Liegephasen, daher ist das alles mit Vorsicht nur als leichte Verbesserung zu verstehen, denn hinter jedem Aufschwung lauert der Abgrund, das Loslassen, das noch verführerischer ist als die Anspannung, der Sog der Erschöpfung, und auch das Lächeln ist eher gequält, kann jederzeit ins Heulen umschlagen, trotzdem: Es gilt, den Blick nach vorne zu richten, wenn auch unklar ist, was ihn und uns dort erwartet.

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3 Antworten auf Beschissen wär‘ geprahlt

  1. Markus sagt:

    Schwere Kost, Uwe, und doch so viel leichter auch empathisch zu lesen als zu Erleben – ich weiß das.

    Sprachlich sehr gelungen – und ja, auch darauf kommt es an, denn die Kommunikation lebt davon.

  2. Uwe sagt:

    Danke, Markus!
    Der Text ist sozusagen „gut abgehangen“. Ich habe lange gebraucht, diese Zäsur zu verarbeiten.

    Es passierte vor gut einem Jahr, und momentan ist mein Vater zwar stimmungsmäßig besser drauf, die Depre scheint überwunden, aber die Antriebslosigkeit ist geblieben.

    „Beschissen wär‘ geprahlt“ war dabei der tägliche Refrain, den mein Vater auf Nachfrage nach seinem Befinden, äußerte. Für mich eine Nullpunkt-Erfahrung: vollkommene Aufgabe bei ihm, vollkommene Ohnmacht bei mir.

  3. Francis J sagt:

    ce récit terrifiant, si terrifiant que l’on sent tout de suite que c’est le récit d’un moment, un interminable moment, vécu de très près, le récit d’un proche, ton père en l’occurence. on ne peut que le lire lentement, en sentir un trouble. peut-on en sortir ? pour le lecteur, c’est possible. pour le fils, c’est probablement impossible.
    comme Markus, je salue la qualité littéraire. cela peut paraître dérisoire en comparaison avec la réalité vécue. mais il est important de mettre des mots sur les moments que l’on vit de plus terrifiant.
    (merci à DeepL de m’avoir permis d’approcher la vérité de ton texte)

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