Extemporalien in Dosen oder: Schreiben aufs Geratewohl

Ich saß coronahalber auf meinen vier Buchstaben und ging in meinem Kopf fremd. Dort erschienen mir Sätze, die sich unaufgefordert vermehrten. Ich gab ihnen Nummern und doste sie ein

Dosis X

91 Heute brennt mir nichts auf den Nägeln. Wie ein Geist, der das Rätseln verlernt hat, trete ich hinaus und trotte an blinden Schaufenstern und stillgelegten Baustellen vorbei, ohne mit der Wimper zu zucken. Selbst Strumpfhosenmuster an langen Frauenbeinen, an anderen Tagen ein Sexer im Lotto, lassen sich nicht buchstabieren. Kein Anker, den es auszuwerfen lohnt, kein Schein, der trügt, kein Laut, der übersetzt werden will, und so ziehe ich mich in meine Klausur zurück und kaue alte Brotkanten

92 Ich brauche eine ZündApp, sonst bleibt die Erhellung entlegener Bezirke meiner Phantasie aus. Doch weiß ich insgeheim, dass ich auch dort nicht verweilen kann. So spaziere ich am Rand gewöhnlicher Bilder entlang, zutiefst enttäuscht von den allzu gemütvollen Träumen, die mich gerade da heimsuchen, wo andere ihr Wohlleben genießen. Mit einem Ruck ziehe ich die Reißleine, zurück bleibt eine rätselhaft klingende Sentenz: Langsamer, Felix, du musst Geruch verteilen

93 Haben Sie schon mal jemanden so sehr gehasst, dass Sie ihn am liebsten um die Ecke bringen wollten? Ich schon. In der dunkelsten Seitengasse stellte ich ihn ab, fesselte seine Hände und verband seine Augen. Mit dieser Höchststrafe, der Schaulust preisgegeben zu sein und nicht abgeholt zu werden, ließ ich ihn allein zurück. Jedes Rufen verhallte, kein Wort erreichte irgendjemanden. Bald war es nur noch ein Röcheln, und zuletzt verstummte auch dieses ungehört. Was für eine Genugtuung

94 Ich ging so vor mich hin und schaute nach oben, dabei hoffte ich auf einen verlässlich blauen Himmel und dachte noch, dass es schön wäre, wenn in ihm kleinere Haufenwolken treiben würden und ein milder Wind ihren Zug vorantreibe, ich schaute also voller Zuversicht und im Vollbesitz meines Sehsinns nach oben … und erschrak: Das Bild des Himmels, das sich mir zeigte, war unscharf, wie von einem Schleier verhüllt. Zunächst glaubte ich, es läge an meinen Augen, rieb sie ein wenig und blickte wieder nach oben. Aber nein, die Unschärfe blieb. Es war, als ob ein feinmaschiges Netz gespannt worden war, das nun den Himmel bedeckte. Aber warum? Was sollte diese Vermummung? Schützte die Gaze mich oder den Himmel? Und vor was eigentlich? Den ganzen Tag trottete ich mit diesen unbeantworteten Fragen umher, bis ein Freund in mir tönte: Gott ist ein Maskenbildner. Mein Lachen kehrte alles um

95 Heute habe ich mich nicht erhoben. Weder wusch ich mich noch nahm ich ein Frühstück zu mir. Überhaupt fiel jede Mahlzeit aus. Kein Kuss verließ meine Lippen. Alle Worte blieben ungesagt. Weder Freunde noch Geliebte wurden getroffen. Das Spazieren fand nicht statt. Keine Zeile gab es zu lesen. Berührungen existierten nicht. Selbst das Denken setzte aus, und kein Gefühl drängte zu seinem Ausdruck. Ich kam gar nicht richtig zu mir, blieb einfach liegen. Reverien gesellten sich mir bei

96 Es tun sich Tiefen auf.
Ja, das stimmt.
Ich will im Fernweh ankommen.
Ach, geht das denn?
An schlafenden Nichten scheiden sich die Geister.
Nie und nimmer.
Da oben, ja da oben, da will ich hin, um das Thema zu verfehlen.
Musst du nicht, ich trete für dich weiter auf der Stelle.
Dann bis dann

97 Eines Tages zog ich das Tatenlos. Ohne zu zucken, gelang mir alles, was ich nicht begann. Inspirierte Gespräche, phantastische Sätze, sündige Geständnisse, geniale Ideen, sensible Träume, zarte Sehnsüchte – all das ließ ich sein und blieb inkognito. Was ist dagegen schon einzuwenden

98 Draußen riecht es nach Pech. Ich bekomme es mit der Angst zu tun und trete beiseite. Neben der Spur finde ich meine Kräfte wieder. Voller Wohlwollen stelle ich einem Kreis von Experten die einfache Frage: Hilft uns vielleicht ein Luftikus aus dieser Misere? Die Runde schweigt sich aus, und so gehe ich weiter, lege den Kopf in den Nacken und schaue voller Inbrunst hinauf: blauer Himmel, dem ein zarter Schimmer fahlen Graus von wem auch immer beigemischt wurde. Das ist alles sehr gebrechlich, und mehr als fragwürdig

99 Die Nackte von nebenan räkelt sich auf einer sonnengelben Decke. Ihre Pobacken leuchten wie zwei Gnadenbrote. Klopfgeister poltern an den Eisengittern der Balkone. Zwei bezopfte Mädchen trampolinen hinter Büschen. Kaum ein Vogel tiriliert. Dafür röhrt eine Drohne über den Köpfen. Dazu üben Kinderstimmen Lieder ohne Worte, und nicht ich bin es, der all das notiert, nein, ganz und gar nicht, ich könnte all das gar nicht bezeugen, dazu fehlt mir das lautere Gemüt

100 Eben noch rumorte ich tragisch vor mich hin, jetzt kommt mir alles herzzerreißend komisch vor, und bald werde ich das Ende dieses Satzes hinnehmen müssen, da mir nichts mehr eingefallen sein wird

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