4 Dates

Während ich dicht an der Mauer entlangging, sah ich an einem trüben Tag zunächst nur ein dunkles Schemen, dann aber, als ich näher kam und den leeren Platz kreuzte, eine junge Frau, deren schwarze Augen mich mit einem derart durchdringenden Strahl trafen, dass ich keinen anderen Schluss ziehen konnte, als das Weite des Domdaches aufzusuchen und vogelgleich von oben den Platz mit der einsam stehenden Figur ins Visier zu nehmen und den Auslöser meiner Kamera zu drücken, einem Apparat, der mir die Balance zwischen Triumph und Kapitulation zurückgab, mit der ich sonst mein Leben zu führen versuche.

*

Schließlich, an einem strahlend blauen Tag, traf ich auf eine Frau, die mein Vorstellungsvermögen um jene Spekulation bereicherte, die ich schon lange hegte, aber nie zu entwickeln wagte, da sie nichts weniger versprach als eine Umarmung, in der ich, mir selbst entwandt, endlich zur Ruhe kommen würde -, allein, ich nahm sie nur aus der Ferne auf, und zurück blieb ein Erinnerungsbild, auf dem das Verheißungsvolle meiner Spekulation nicht zu ahnen ist, denn niemand sieht, was ich sehe.

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An einem anderen Tag ging mir eine junge Frau voran. Sie nahm es hin, dass ich ihr folgte. Selbst als sie zwischen zwei Eisenplatten trat, die sich gefährlich neigten, blieb sie ruhigen Schrittes nur auf ihr Gehen bedacht. Nichts hielt sie ab, sich einem möglichen Verhältnis zu entziehen, sie blieb für mich, ihrem Verfolger, ohne Gesicht und Geschichte. Kein Versuch, sie zu passieren und zu fotografieren, gelang mir. Ich weiß nicht, wie ich sie aus den Augen verlor, noch Minuten danach hielt mich ein schwindelartiger Zustand gefangen, der sich nur langsam löste. Obgleich ich keine Mühen scheute, blieb sie für mich verschwunden und auf ewig unerkannt.

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Mir liegt wenig daran, dieses Begebnis zu kommentieren. Ich könnte darauf verzichten, aber ich verfasse gelegentlich gerne ein paar Sätze, obwohl ich fürchte, dass sie an anderer Stelle schon gefallen sind. Es ist also überflüssig, weiterzumachen. Doch zuweilen hat gerade das Überflüssige seinen Reiz, und so will ich gegenüber dir, lieber Leser, bekennen, wie ich an einem schwülen Tag eine wildfremde Frau zum Lachen brachte. Ich stand hinter einem Baum und wollte ungesehen fotografieren, da bemerkte sie mich und ich schlagfertigte sie mit dem Spruch ab: „Gönn‘ Dir eine Pause und schöpfe Atem!“ Ich weiß, dieser Satz klingt nicht nach höherer Bildung, doch für sich und anderen gegenüber ausgesprochen, wird er rasch zu einem leicht verdaulichen Motto für den zuweilen arg strapaziösen Alltag. Deshalb schenke ich dir, lieber Leser, diesen Satz und entferne mich jetzt.

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