Auf dem Weg zur letzten Ziehung

Einer sagt: Ich beobachte sie, doch mein Blick reicht nicht weit genug. So sehr ich sie auch anstarre, es öffnet sich nichts. Ich kann sie nicht erreichen, sie bleibt für sich und selbständig. Mein Blick versucht den Sprung zu ihr, aber er führt von ihr weg. Schaut sie zurück, dann fühle ich mich nicht gemeint. Es liegt kein Desinteresse in ihrem Blick, doch es fehlt darin ein nachvollziehbarer Sinn. Sie spiegelt mich nur, ohne mir zu begegnen. Ihr Blick durchschweift mich und scheint zu sagen: Suche nichts in mir! Während ich – vergeblich – Präsenz einfordere, stellt sie – erfolgreich – Abwesenheit her. Sie macht mich zunichte. Ich bin, in ihren Augen, ein Niemand

Einer sagt: Ich stapfte in einem unbehausten Tal umher, unzählige Gesteinsbrocken lagen vor mir, eine poröse Masse, die von begrünten Hängen gesäumt wurde, kein Lüftchen wehte und ich hörte das hohe Zirpen mir unbekannter Vögel und Insekten. Ich beugte mich zu einer jungen Frau und inhalierte ein hauchfeines Parfüm. Sie kauerte in einer Mulde und griff nach mir. Ich ließ mich herab, während sie ein paar Verse deklamierte, die mir wie etwas Liturgisches vorkamen, von dem ich aber nichts verstand. Dann flog eine hauchzarte Fahne roten Staubes über unsere Köpfe hinweg und landete in einem kleinen Krater. Sie führte ihren Zeigefinger an den Mund, wartete und öffnete ihn dann, um in mein linkes Ohrläppchen zu beißen. Ich nahm sie Huckepack und wir machten uns auf den Weg. Wenig später stießen wir auf einen Trupp von Wanderern, von deren Gesprächen ich aber nichts schnallte. Dann ging die Traumszenerie in ein tiefes Schwarz über. Als ich erwachte, war mir, als ob etwas in dieser Nacht unwiederbringlich verloren gegangen war. Ohne dass ich mir einen Reim darauf machen konnte, hielt dieses Gefühl tagelang an

Einer sagt: Schade, schade, dass dir das Blaumachen nicht so geläufig ist. Noch nicht einmal als eine Erinnerung will es dir momentan in den Sinn und schon gar nicht in die Sinne kommen. Schön wäre es, wenn es dir als Insel der Müßigen im Wörtersee unterkäme, aus dem du derzeit eifrig schöpfst, oder besser: Wissenswertes abfließen lässt. Wer oder was treibt dich zu dieser Kleinplackerei? Und was ist das für ein Einsatz, bei dem man nichts oder nur wenig zu verlieren hat? Das passt doch wohl eher zu mir, dem Arbeitsdienstverweigerer! Oder muß die höchsteigene Not wieder dafür herhalten, um abgestorben geglaubte Tugenden hervortreten zu lassen? Und immer nur Andeutungen, worum es sich eigentlich bei der Wissen schaffenden Arbeit handelt. Klär mich auf? Vielleicht kann ich bisweilen helfen und das Laufrad der Mühen anhalten, damit du wieder zu Atem kommst. Zu viel Werktag, zu viel Schweiß, was fast schon strafbar ist. Gönn’ dir mal wieder einen Aufenthalt in dem Ländchen, wo es keinen Kalender, keine Uhren, keine Rechner gibt, und wo du zwischen den unverdienten Lorbeeren – und nur zwischen diesen – wirklich ruhen kannst. Das wäre ein Blaumachen, wie ich es dir verschreiben würde, und das auch ich mir gönne, nachdem ich Anfällen von Arbeitswut nicht widerstehen konnte. Auf die Balance kommt es an. Aber vielleicht musst du immer erst was wegschaffen, bevor du dich entspannen kannst. Mir dagegen reicht oft schon der Etappensieg, um das Recht, zu ruh‘n, in Anspruch zu nehmen

Einer sagt: Es fällt mir immer schwerer, Leistungen zu erbringen. Die Gefahren des schieren Genusses und der Passivität lauern überall. Gerade Taten bestätigen den Menschen vor sich selbst und bringen ihn zur Entfaltung seiner Persönlichkeit. Das Erlöschen der Initiative aber kennzeichnet die erste Etappe auf dem Weg zur Auflösung. Wer auf seinen wenigen Lorbeeren ausruht, stagniert nicht nur, er wird auch von den Ereignissen hoffnungslos überrundet. Angesichts des völligen Mangels an Autonomie und Originalität versiegen meine schöpferischen Impulse. In der Tat hat sich der Ausverkauf meiner Geisteskräfte in bestürzender Eile vollzogen. Das entstandene Vakuum fülle ich notdürftig mit äußeren Reizen, und die Beweise häufen sich, dass auch der letzte Rest meiner Würde vor die Hunde geht. Und so lebe ich beziehungslos in den Tag hinein und erschöpfe mich in unverbindlichen Spielen. Merkwürdigerweise denke ich trotzdem nicht ans aufhören, verharre vielmehr in diesem paradoxen Stillstand und vermehre, mit einer Art Angstlust oder Lustangst, die Wort-Spiegel, die in immer neuen und doch auch vertrauten Bildern die Nichtigkeit meines Tuns oder vielmehr: meines Nicht-Tuns zeigen

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Eine Antwort auf Auf dem Weg zur letzten Ziehung

  1. Sofasophia sagt:

    Wie unterschiedlich wir alle zu leben gelernt haben. Mit Pausen umzugehen. Mit der Erlaubnis dazu.

    (Ich lese deine Texte gern, auch wenn ich mich selten melde.)

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