Abwesenheitsnotiz

Sobald er sein Tagwerk bezwungen hat, bauen sich andere Hindernisse vor ihm auf, und obschon total erschöpft beginnt er erneut. Auf unerklärliche Weise sind alle seine Anstrengungen vergeblich, er kommt an kein Ende, immer treten sofort neue Aufgaben und Erschwernisse hinzu. Doch ruhig, entschlossen und ohne zu Murren geht er seinen Weg, wohl wissend, dass jede Hoffnung auf Erleichterung oder gar Rettung die Mühsal nur verstärkt.

Zum Glück gibt es Musik, der er verfallen kann, und Melodien, die alle Beschwerden auflösen. Jede Unruhe fällt von ihm ab, und was ihn eben noch bedrückte, wird dann leicht und einfach. Er atmet frei, wünscht nichts und fürchtet nichts. Und kein Gedanke meldet irgendwelche Schrecken an: friedliche Minuten eines heilenden Vergessens, wie aus einem Leben jenseits des Lebens. Diese Momente trägt er als Kleinod bei sich, ruft sie sich ins Gedächtnis und horcht den Melodien in Gedanken nach.

Bisweilen flüchtet er sich in den Abendstunden in eine Kneipe. Die Jukebox dröhnt, ein Korn rutscht über die Theke, mancher guckt böse, andere dösen, jeder wie er kann, niemand sucht etwas, sie sind nur da, müssen nichts erklären, hängen – wie er selbst – schweigend ab und hoffen, beim nächsten Drink ruhiger zu werden und die Sorgen und ihr Leben, in groben Zügen, zu vergessen. Jede Menge Sentiment sammelt sich in der Ecke, wo er sitzt, seinen Absacker trinkt und den Lyrics des großen BC nachsinnt: All I want to do is to make love to you in the fertile dirt / In the fertile dirt / With a careless mind. Draußen wird es dunkel. Er geht auf die Straße und atmet frische Luft. Der nasse Asphalt leuchtet, und im letzten Licht denkt er, dass den Verlassenen zum Trost die Lieder, die Worte und Geschichten bleiben.

Zuhause legt er sich hin und liest einen Roman, verliert sich im Fluss der Handlung, begeistert sich mitunter für einzelne Sätze, unterstreicht ganze Abschnitte, aber dann wird er abgelenkt, verliert, was er liest, aus dem Sinn, und eine innere Leere tritt ein, die ihn nach und nach so ermüdet, dass sein Sehvermögen nachlässt und seine Augen zufallen. Er kämpft nicht dagegen an, lässt jeden Handlungsfaden los, und ganz von alleine erscheinen im Halbschlaf andere Bilder, denen er sich willenlos ausliefert, bis das Buch ihm aus den Händen rutscht. Ohne Bedauern übergibt er sich dem Schlaf.

Im Traum geht er zur Wohnungstür und öffnet sie. Aber es kommt niemand, und er fühlt sich auf verlorenem Posten. Plötzlich ist das Surren einer Münze in der Luft zu hören, die direkt vor ihm auf dem Boden landet und, sobald sie zur Ruhe kommt, ein Auge zeigt, das sich in Zeitlupe öffnet. In der Spiegelung der Pupille erkennt er einen rotierenden Quader, der sich rasch nähert und dann in explodierende Lichter übergeht, so hell, dass er geblendet wird. Er dreht sich weg und spürt, wie sich die Wände der Wohnung in einen Pulk von Figuren verwandeln, die ihn umkreisen. Die Blendung lässt nach und er erkennt, dass sie aus weichem Gallert bestehen, welches immer flüssiger wird und sich um seine Füße zu sammeln beginnt. Bald ist er vollständig umschlossen, und der Pegel steigt so hoch, dass nur mehr sein Kopf frei bleibt, der von einer geheimen Kraft langsam um die eigene Achse gedreht wird, bis er sich löst und wie ein Ballon abhebt, um auf und davon zu fliegen.

Der träumende Geist arbeitet im Flug noch eine Weile weiter, dann leert sich der Schädel und irrt durch die unendlichen Räume.

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