Niemals vergebens, immer mit Wein

Meine Heimat steht in den Sternen, spricht er laut vor sich her und setzt sich in Bewegung. Zahlreiche Dämonen versperren ihm den Weg, kopulieren ohne Rücksicht auf Verluste direkt vor seinen Augen und fordern ihn auf, die Dinge hinzunehmen und das Maul zu halten. Alles, was in ihm brodelt, soll im Halse stecken und also unausgesprochen bleiben. Augenblicklich schwillt ihm der Kamm. Zornig schlägt er um sich, trifft aber keinen, und alle lachen über seinen zappeligen Tanz. Zuletzt wirft er Sprengsätze in die Menge, doch das treibt sie nur noch mehr an. Dann fällt ihm eine List ein: Er verspricht hoch und heilig, keine Worte mehr auszuwerfen, nennt sich einen winselnden Clown, der verstummen soll. Ein falscher Fuffziger wie ich gehört aufs Schafott, versichert er ihnen, und siehe da, sie lassen von ihrem Vögeln und Pöbeln ab, treten zur Seite, und so kann er, da er sich zur Stummheit selbst verpflichtet hat, weiter ziehen. Das hat auch seine Vorteile: Als ein Ohnmächtiger bleibt er unsichtbar und trottet sehenden Auges, aber mit versiegelten Lippen, durch die Gegend.

Doch schon nach wenigen Minuten plagt ihn das Zurückgehaltene: Blähungen pumpen seinen Bauch immer mehr auf, und kurz bevor er wie ein Gasballon vom Boden abhebt, explodiert ein monumentaler Furz in die weite Welt. Was für ein höllisches Vergnügen! Was für eine himmlische Befreiung! Die Gnade der Flatulenz! Es folgen noch einige sehr gehaltvolle Knaller, denn die Darmwinde lassen nicht nach, treiben ihn vor sich her, bis er an eine Mauer stößt, langsam heruntergleitet, sich umdreht und sitzen bleibt.

Neben ihm auf dem Boden steht eine Flasche Wein. Der Inhalt leuchtet rot, das Etikett ist nicht zu entziffern, der Korken steckt fest im Hals. Worauf soll er warten, ein Anlass ist schnell gefunden, zumal nach dieser Blährunde. Aber auch ohne einen solchen Grund fühlt er sich für einen guten Schluck immer bereit. Zudem ist er für Zufälle solcher Art gut gerüstet, denn er trägt stets einen Korkenzieher bei sich. Er öffnet also die Flasche, setzt sie an den Mund und nimmt einen kräftigen Schluck. In der Ferne hört er wieder die Dämonen Liebe machen. Doch mit jedem Schluck ängstigen sie ihn weniger. Ihr werdet mich nicht zum Verstummen bringen, sagt er zu sich, und leert die Flasche mit einem letzten Schluck aus. Dann kreiselt alles in seinem Schädel und nichts bleibt auf seinem Platz. Die Augen werden müder, die Glieder erschlaffen, der Körper gehorcht der Schwerkraft, sinkt zur Seite, zuckt noch kurz, bis er die Welt schlafend verlässt und Lichtjahre weg von allem ist, was ihn bedrückt.

Der Traum, in den er fällt, ist wie ein Triebwerk, das niemals vergebens zündet. Eine ungeheure Schubkraft katapultiert ihn ins Irgendwo, alle guten Geister versammeln sich um ihn und ein Geflüster von Stimmen hebt an, in dem Sätze auftauchen, die nicht auf der Hand liegen, sondern hinterm Rücken der Alltagswelt ihr wundertätiges Wesen treiben, und der Träumer tröstet sich damit, dass er den rechten Platz gefunden hat, um diesen Boten zuzuhören, wenn auch kein einziger sich ins Wache hinüberrettet, doch im Traum spenden sie sieben Leben, mindestens.

Kaum ist er zurück, setzt er sich auf, schaut um sich und spürt die harte Mauer in seinem Rücken. Es fällt ihm schwer, wieder aufzustehen. Nach so einem traumreichen Schlaf ächzt nicht nur der Geist, auch der Körper braucht seine Zeit, um wach zu werden und zu Kräften zu kommen. So endet hier der Ausflug, vor allem auch, weil seine Muse, die gerade auf ihn zugeht und ihn auflesen will, jeder Beschreibung spottet und nach einer stillen Vereinigung verlangt. 

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