Faszination der Stadt

In der Stadt zu gehen, bedeutet beispielsweise, nirgendwo zu Hause zu sein, unter ständiger Desorientierung zu leiden. Fußgänger sind bemerkenswert gleichgültig, was vorgeschriebene Verkehrsrichtungen angeht, und zugleich extrem aufmerksam für ungewöhnliche Orte mit lichten Durchblicken. Das Stadtgebiet, das sie durchqueren, entzieht sich der panoramischen Ordnung: Sie erkunden es selektiv, achten auf dumme Kleinigkeiten und Trivialitäten. Der Fußgänger wittert wie ein junger Spürhund die verstörenden oder verlockenden Gerüche, den Duft aus Bäckereien, den strengen Geruch aus Fleischereien, den Gestank aus Kneipen, das Parfüm von Passanten, und so fühlt er sich von etwas Mächtigem überflutet, das ihn übersteigt.

Das ist die ewige Vergeltung der Stadt als Palimpsest, als Überlagerung widersprüchlicher Erinnerungen, als Kollision von Epochen, als Maschine, die zu komplex für mich allein ist: Hier habe ich nie das letzte Wort. Die Poesie der winzigen Dinge überrascht uns – eine Blume, die zwischen Pflastersteinen sprießt, ein ungewöhnliches Schild, ein Schlafender, der am helllichten Tag auf einer Bank gestrandet ist. Gehen bedeutet, kleine Unebenheiten zu erfassen, Türen zu neuen Welten aufzustoßen, Geschichten ohne Worte einzufangen, die Geheimnisse von Bretterzäunen, Abrisshäusern und undefiniertem Gelände zu sammeln. Es bedeutet, in einer einfachen Treppe ein Bilderrätsel zu sehen, in einem Fensterrahmen ein Gedicht, mit anderen Worten: in jedem Moment Mythen des Ortes hervorzubringen. Es gibt Orte, die bleiben stumm und sind auf ewig in ihre Vergangenheit eingemauert, und es gibt andere, die sich anfangs widerstrebend zu offenbaren scheinen, doch sich dann wieder verschließen wie ein Grab.

Das Gehen hat die Struktur einer Rhapsodie: Der Fußgänger macht Katzensprünge über Löcher, folgt der schillernden Vielfalt der Plätze und Alleen, doch diskontinuierlich, ohne sich an deren Verlauf zu halten, und lässt so ganze Straßenabschnitte der Vergessenheit anheimfallen. Beim Gehen entfaltet sich dem langsam Gehenden die urbane Landschaft und bietet so ihrem Beobachter stets neue Perspektiven. Die Stadt beherrscht die Kunst der Lücke. Ziellos über den Asphalt spazieren, ohne Bezugspunkte, mit faszinierender Unmotiviertheit, dem Unbedeutenden ebenso wie dem Spektakulären Beachtung schenken – das bedeutet, einen ganz neuen Blick auf das Stadtgebiet zu werfen und sein Auge zu erholen. Das ist die Ethik des urbanen Nomaden, der die Wunder der Großstadt sucht.

(Pascal Bruckner)

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