DU (Eine Synopse aus 10 Jahren „Mood de jour“)

Für Ulu

I

Der Schlüssel, den DU mir überlassen hast, will nicht passen. Ich wäre gerne vor dir da gewesen, das Schloss aber bleibt zu, und so mache ich es mir vor der Tür bequem und warte auf dich. Es herrscht wenig Verkehr und nur manchmal tauchen Passanten auf. Hie und da höre ich Taubenrufe, sehe schwänzelnden Hunden zu, die ihr Revier markieren und beneide die Flugkünste der Schwalben. Dann nähert sich ein junger Mann, der gut vernehmliche – und mir bestens bekannte – Verse rezitiert, die wie ein Funkenflug aus Worten seine Begleiterin umschwirren: Ich möchte, dass mich / dein Haar mit Landkarten / neuer Orte bedeckt, / damit überall, wo ich / hinkomme, alles so schön ist / wie dein Haar. Was für ein Glück, hier zu verweilen, denn so entgeht mir der Augenblick nicht, in dem die angedichtete Frau ihr hüftlanges Haar um den Hals des Poeten legt, so dass sie als Paar im Gleichschritt ihrer Wünsche ausschreiten können, nicht ohne mir zuvor noch ein Geldstück zuzuwerfen, wodurch ich ins Stutzen gerate: Erkennt man mich wirklich sofort als einen Streuner, auf den man nicht anders als mit milden Gaben reagiert? Bloß weil ich vor einer Tür sitze, bisweilen den Kopf in den Nacken lege und der Ereignisse und Worte harre, die da kommen mögen? Kaum zu glauben, dieses kleine Quantum Nichtsnutzigkeit qualifiziert mich schon zum Empfänger von Almosen. Dabei warte ich doch nur vor deiner Wohnung, in der sich das Zimmer mit dem Bett befindet, auf dem zu liegen und von dem sanften Druck deiner Hände auf meiner Kopfhaut in den Halbschlaf massiert zu werden mir das feinste Vergnügen bereitet, das ich wieder und wieder erleben möchte, da ich ja aufgebrochen bin, um die Stadt zu durchstreifen und bei dieser Schwelle schlussendlich anzulangen. Aber nichts rührt sich, die Tür bleibt zu und im Innern deiner Wohnung herrscht eine gespenstische Stille, und allmählich kommt mir auch der Langmut abhanden, mit dem ich dich herbeisehne, um endlich auf die andere Seite zu gelangen, wie früher, als wir manche Tage und ganze Nächte frei von allem – aber nein, ich kappe diesen Gedankenfaden hier, denn sonst steht mir die Bedürftigkeit doch noch ins Gesicht geschrieben, und so wende ich mich erneut der Straße zu, wo mir eine junge Frau auffällt. Während sie mich passiert, bemerke ich, dass sie ihre geflochtenen Haare wie einen Strick um den Hals geschlungen trägt, und gerade, als ich meine Augen abwenden will, streift ein kleiner Vogel ihre Wange, worauf sie kurz innehält und dann, ohne mir Beachtung zu schenken, völlig ungerührt weiter geht. Mein Lungern scheint sich nahtlos in die Kulisse eingefügt zu haben, denn niemand spendiert mir mehr einen Blick. Verlassen ruht die Szenerie in sich und es ist, als ob alle einer geheimen Verabredung gehorchen und Abstand halten, damit die Bühne frei wird für deinen Auftritt. Doch DU, wann wirst DU kommen?

II

Wir hatten gerade miteinander geschlafen, im hohen Gras, wo wir alles machten, was uns die Liebe eingab. Dann fiel uns nichts mehr ein, und wir schlugen die Augen auf, sahen den Himmel, wie er groß und blau über uns stand, spürten die Wärme, wie sie sich in uns senkte, gedachten des Fluges, wie er uns erfasst und jeden für sich alleine zurückgelassen hatte, am Ende, als er uns die Zeit nicht mehr schenkte, sondern nur noch vertrieb. Zum Glück gab es die Mondsichel, die uns zu einem Kuss animierte, mit dem alles wieder einsetzte. An den Lippen begann es, sie wurden warm und pulsierend, und als sie sich voneinander lösten, erfasste ein Stromschlag jede unserer Nervenfasern, bis die Füße zuckten und es uns nach Bewegung verlangte. Doch als wir aufstanden und einen Schritt nach vorne gingen, klaffte ein Abgrund vor uns, jäh abfallend und tief. Ohne mit der Wimper zu zucken sprangen wir, im vollsten Vertrauen darauf, dass uns nichts geschehen konnte, solange wir einander in den Armen hielten. Wir segelten durch die warme Luft und landeten butterweich auf einem Feld. Flugs schliefen wir ein. Als ich aufwachte, hocktest DU schon über mir und dein rhythmischer Atem erfasste mich: Wir ließen uns jede Freiheit, mit quicklebendigen Fingern, immer wieder, weil das nicht alles gewesen sein konnte, es musste weitergehen, jetzt und überhaupt.

III

Gestern Morgen grinste mich das nackte Elend aus dem Spiegel an, zum Verzweifeln nah die trüben Augen, die fahle Haut, die faltige Stirn, und keine Lachfalten in Sicht, nur Krähenfüße und ein stumpfer Schädel. Ich spürte die trägen Knochen, die müden Muskeln, und das sture Pochen des Blutes in den Schläfen erinnerte mich nur daran, dass ich dem Tod mit jedem Schlag näher kam. Es war still und die Luft stockte, nichts rührte sich, und ich wusste weder ein noch aus. Da erschienst DU, lächelnd, und legtest deine warmen Hände auf meine Augen und wolltest, dass ich dich hochhebe. So nahm ich dich in meine Arme und wir tanzten in einem beschwingten Wiegeschritt, immerfort im Kreis uns drehend, nach dem Takt von Liedern, die unvermutet einsetzten und mich langsam wiederbelebten. DU hingst an meinem Hals, kleine spitze Schreie drangen an meine Ohren und dazwischen die lustvolle Aufforderung: Noch mal! Und das Treiben ging von vorne los, diesmal fiel jede unserer Körperzellen in einen wilden Rhythmus, und wir lachten, quietschten fast, bis die Musik endete. Ich schaute mich um, heiß und völlig aus der Puste, dafür aber von allen Giften befreit -, und DU warst verschwunden. Zurück blieb eine Rührung, die mich über den Tag hinweg begleitete. Entspannt legte ich mich abends ins Bett und schreckte auch nicht vor dem Aufstehen und dem Spiegelblick zurück. Ich schloss einfach die Augen und vertraute den vernommenen Liedern, die ich, leiser werdend, summte, bis mein Atem flacher wurde, und kurz bevor sich die Blende für mich schloss, war mir zumute, als hätte sich meine Frist verlängert.

IV

Was für ein trübes Licht am Morgen. DU bist weg und alles wird eng. Dein Lippenstift auf meinen Lippen, noch Stunden nach unserem letzten Kuss. Krähen krächzen, der Verkehr rauscht, die Blätter glühen sanft im Dämmer. Ich weiß nicht wohin mit mir ohne dich. In Gedanken beginne ich deinen Pelz zu kämmen. Später stolpere ich über das Wort Stampede, schlage nach: unvermittelte Fluchtbewegung – Volltreffer, dann bin ich meistens mitten in einer Stampede. Während der Siesta erwache ich mit Harndrang. Auf dem Weg zum stillen Ort komme ich in einen Raum, den ich nicht verlassen will, etwas in mir sträubt sich, und so trete ich in ein tiefes Schwarz. Nichts ist zu sehen, auch kein Laut zu hören, eine stockdunkle Stille, die mich umfängt. Mein Körper wird leichter und leichter und plötzlich berühren mich Federn, so zart, dass ich vor Erregung zittere. Furchtlos schwebe ich im Leeren, ein sanfter Lufthauch zieht über meine Haut, auf der ich einen Druck spüre, der immer stärker wird, anschwellender, und ich sehe, wie sich ein klitzekleiner, milchiger Lichtfleck bildet, der sich ausbreitet und mich in eine wirbelnde Bewegung versetzt. Ein Sausen und Sauen geht in ein Lösen über, durch das ich zu mir komme. Ich sitze auf der Klomuschel, doch der Strahl bleibt aus. Ein mattes Warten überfällt mich, in dem ich Reflexionen hege, die mich schlecht aussehen lassen, denn ohne dich fallen nur Ängste über mich her. Wie hineinkommen in diesen trüben Tag? Ich greife zu einem Buch, doch auch hier drifte ich ab, unterstützt von kapitalen Verlesern: „Er hatte schon oft so in die Schreibe eines Zuges geschaut, und fast immer hatte ihn dabei eine sattsame Melancholie ergriffen.“ Im Niemandsland willkürlicher Deutungen, im Dickicht der Assoziationen. Erst am frühen Abend atme ich auf: DU kommst zurück, endlich.

V

Ich liege im Bett und liebkose ein Phantom. Ohne dich zieht der Morgen um. Nur ein loses Mundwerk bleibt zurück und pflanzt sich auf. Unermüdlich lässt es seine Beine schaukeln, damit mein Warten unterhalten wird. So läuft die Zeit der Narrenherzen ab. DU müsstest eintreten mit einem Peitschenhieb, und die erneute Begegnung wäre möglich. Unterdessen schlägt die Spannung um, als die letzten Tröstungen verstummen. Hinter der Tapete thront ungerührt das azurne Schmunzeln von gestern. Der Teppich riecht nach grauer Vorzeit, die Fäden ludern aus, die Staubmäuse spaßen umher, doch schon lauert die kalte Progression. Außer dem ABC der Tagesprotokollarien ist nichts zu erwarten. Ich fürchte das Pendeln der Wände und hoffe auf einen Sibyllenspruch, der mich zu dir führt. Doch ich streiche nur an den Rändern des Plausiblen entlang. Dabei treffen Petitionen ein, die sich nicht abweisen lassen. Auch schwimmen mir die Zufälle davon, und jedes Techtelmechtel der buchstabenwarmen Zeichen hat ein Ende. Zurück bleibt ein Schriftzug, den ich wohl im Tran meiner Sehnsucht an die Schlafzimmerwand gekritzelt habe: Begehren auf eigene Gefahr.

VI

Der Tag trübte sich schon am Morgen ein und roch nach angebrannter Milch. Ich grub mich in die Kissen und Decken ein, genoss die Wärme des Bettes, schloss die Augen und glitt unmerklich aus dieser Welt. Alles passierte wie immer, nur ohne mich. Weder wusch ich mich noch nahm ich ein Frühstück zu mir. Überhaupt fiel jede Mahlzeit aus. Alle Worte blieben ungesagt. Weder Freunde noch Fremde wurden getroffen. Das Spazieren fand nicht statt. Keine Zeile gab es zu lesen. Selbst das Denken setzte aus, und kein Gefühl drängte zu seinem Ausdruck. Ich kam gar nicht richtig zu mir, blieb einfach liegen, träumte …, und prompt nahmst DU lässig wie eine Odaliske neben mir Platz. Ab und zu zog ein Zittern über deine Haut, während DU in die Lektüre von Kontaktanzeigen vertieft warst. Dann versetzte mich eine scharfe Linkskurve dahin, wo deine Brüste brüteten, mit denen zu spaßen ich mich nicht erdreistete. Ich schaute nur und genoss den geschenkten Augenblick, in dem irgendwer nicht umhin kam, unserem Beieinander seinen Segen zu erteilen. Als ich aufwachte, war mein Alter vorgerückt. Ich folgte ihm nicht nach, blieb einfach zurück. Es ging mir gut ohne Alter. Ich fühlte mich wie von einer Last befreit und sogar zu Arbeiten aufgelegt, die ich sonst eher scheue. Aber davor bewahrst DU mich, meine Liebste, DU weißt, dass ich dieser Sorte Mensch nie angehören, sondern immer nur spielen wollte. Diese Einfühlung kann mich mitunter zu Tränen rühren. Es bleibt unfassbar für mich: Der Wortfilm reißt immer an dieser Stelle, genau da, wo es mir nicht gelingen will, ins bergende Helle deines liebenden Verständnisses vorzudringen. Es ist s o z u s a g e n der grüne Zweig, auf dem ich sitzen kann, um solche Petitessen zu schreiben.

VII

Nie bin ich dir näher, als wenn DU in der Ferne weilst. Dann weiß ich alle Worte, die ich dir sagen will, doch sind wir dann vereint, bin ich stumm wie ein Fisch. Nichts fällt mir ein, alles weg. Und nur eine Minute, nachdem DU gegangen bist, kann ich mir vor lauter Worten kaum die Schuhe binden, um dir nachzueilen. Habe ich dich dann eingeholt, verdüstert sich alles um mich, deine Gegenwart verschlägt mir den Atem und ich falle in ein Loch. Dumpf schlage ich auf dem Boden auf, schaue nach oben, DU rufst mich, aber mir fällt nichts ein. DU ziehst von dannen und die geschliffensten Aussprüche verlassen meinen Mund, nur hören kannst DU sie nicht. Lauschen wäre eine Lösung. Bleib unsichtbar, spitz die Ohren, und wenn ich dann loslege, kannst DU vielleicht hören, was meine Worte verschweigen.

VIII

Mitten an einem Graumutstag befällt mich das Begehren. Ich gehe ins Bett und sehe, wie in deinem Gesicht die Lust debütiert. Ungeheuer langsam steuere ich in die Meerenge, wo wir auf Gnade und Ungnade dem Verlangen preisgegeben sind. Das Vordringen nimmt seinen Lauf, weit weg von jeglichem Schmerz, für den es ohnehin keine passenden Worte gibt. DU schickst meinen Mund ins Land des vertikalen Lächelns, ein leichtes Beben zittert in uns, dann folgt ein tiefes Absinken in unterseeische Stille, und zuletzt kringelt sich ein wieder landschweres Glied in die Decken, unter denen DU schon reichlich Schlaf genießt. Mich dagegen befördert ein stechender Schmerz auf die Beine, direkt in die Verlockungen der Straßen, denen ich wie ein stiller Verehrer nur folgen will. Vielleicht komme ich ja bei meiner Runde an der Bank am Kanal vorbei, auf der ich so gern sitze. Alle Malaisen würden sich zu meinen Füßen einrollen, damit ich sie mit den Schuhen hin und her bewegen könnte, bis sie die richtige Stellung und Form hätten, um sie mit einem kräftigen Schuss ins Abseits zu kicken. Dort wechselten sie ihre Farbe, und nichts würde mehr daran erinnern, dass sie ein unverkennbarer Teil von mir waren. So hätte ich die nötige Ruhe gefunden, um am Abend die Daumen zu drücken, damit die Träume mich nicht fallen lassen. Zudem müsste ich ein Lied summen und mich zu dir in die mit Glückssträhnen bestickte Decke kuscheln, unter der sich unsere Finger finden würden. Anschließend kämen die Grünverschlossenen Botschaften, die DU für mich enträtseln dürftest. Ja, so könnte dieser Tag enden -, aber noch ist es nicht soweit, noch bin ich unterwegs, während DU in den Zeilen dieses Sexposés wartest.

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Eine Antwort auf DU (Eine Synopse aus 10 Jahren „Mood de jour“)

  1. Uwe sagt:

    Hörstück zu den „Liebesbriefen“ My Romance:
    https://m.youtube.com/watch?v=kvdGq9uzMt0
    U

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