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Die hier veröffentlichten Fotos entstehen allesamt beim Spazierengehen. Sie zeigen zufällig in mein Blickfeld geratene und mit der Kamera festgehaltene Motive. Es geht mir bei diesen Augenblicksaufnahmen um eine Zwiesprache mit dem Sichtbaren, in der etwas scheinbar Vertrautes und Alltägliches ins Befremdliche oder Überraschende kippen kann. Alle Besucher sind herzlich eingeladen, ihre eigene deutende Fantasie tätig werden zu lassen und die Fotos zu kommentieren.Kategorien
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Lamentationen eines Mannes mittleren Alters (Zweite Folge)
V
Einst orakelte ich mit Eifer
und eine Menge Hörer stimmten ein
Heute hocke ich allein im Sesam
und Ali Gaga sucht mich heim
Einst war ich ein wandernder Gigant
und träumte von kapitalen Abgängen
Heute bleibe ich allen Gipfeltreffen fern
und der Mastermind ist off
Einst glaubte ich an den Zeilensprung
und alles Ungereimte kam mir gelegen
Heute bettle ich um den kleinsten Unfug
und lande stets nur Pleiten
Einst stand ich im Boudoir der Sprache
und mutmaßte über Spiegelungen
Heute bewege ich mich nicht vom Fleck
und dulde die Absenz der Musen
Einst lutschte ich gekühlte Erdbeeren
und ertrug mit Fassung jeden Mitesser
Heute wässere ich Geranien der Apathie
und pflanze Primeln des Missmuts
Einst befand ich mich inmitten hoher Majestäten
und Posaunen begleiteten meine Umzüge
Heute klebe ich auf dem Boden fest
und die Messen sind gelesen
Einst hörte ich vielerlei Stimmen
und konnte fließend Französisch
Heute kriege ich beim Sprechen kalte Füße
und leide an Gedächtnisschwund
Einst geizte ich mit den Ressourcen
und wollte ums Verrecken nicht verschwinden
Heute tappe ich kraftlos im Dunklen
und die Groschen fallen ins Leere
Einst sprang ich aus dem Fenster
und ein Blitzlicht erhellte meinen Flug
Heute liege ich stocksteif im Bett
und betrachte gerührt das Foto
Einst ballte ich die Faust im Rücken
und wollte mir selbst entkommen
Heute bedrückt mich mein Schattendasein
und ich treffe nur auf lose Enden
Einst kam ich auf mich zu
und zwinkerte mit den Augen
Heute entsinne ich mich der Spuren
und weiß sie nicht zu lesen
Einst war ich ein ausgewiesener Ohrenzeuge
und eine jede wollte sich offenbaren
Heute zehre ich von den Bekenntnissen
und treffe nur Geschwister der Melancholie
Einst stiftete ich eine Pension des Zutrauens
und scheute keine leibhaftigen Freuden
Heute horte ich lebensgroße Pinups
und praktiziere halbseidene Affären
Einst schmuggelte ich Verse in Dosen
und schlug die Zeit mit Strophen tot
Heute stibitze ich prominente Zeilen
und schmücke mich mit fremden Federn
Einst wagte ich den ganzen Einsatz
und mir verging Hören und Sehen
Heute tritt mir das Unmögliche entgegen
und ich genieße allein das Verzögern
Einst schien mir selbst das Wichsen erhaben
und ich war dem Großen Ernst verwandt
Heute bin ich ein träges Faktotum
und die Ambition reicht gerade fürs Vorspiel
Einst orgelte ich ein kräftiges OK
und verlor im Nu die Contenance
Heute hofiere ich die Unersättliche
und erwarte demütig ihr KO
Einst nagelte ich die Augen ans Himmelszelt
und alle Lust war ein Rätsel
Heute verschließen sich die spröden Lider
und ich knicke beim kleinsten Windstoß ein
Einst hatte ich einen luftigen Lebenswandel
und hielt mich artistisch in der Schwebe
Heute sitze ich auf vier Buchstaben
und erwarte den finalen Zeilenbruch
Einst suchte ich komische Nulpen
und prämierte unbekannte Erscheinungen
Heute führe ich dröge Selbstgespräche
und finde Trost in bedächtigen Gängen
Einst eroberte ich die Akropolis
und weidete auf den Museumsfluren
Heute erbaue ich mich an Bionella-Toasts
und freue mich auf den Verdauungsschlaf
Einst schätzte ich die luzide Klarheit
und die Augen erfassten die Konturen
Heute präferiere ich die Benommenheit
und tauche ein in ominöse Nebel
Einst widmete ich der Liebe irre Kopfsprünge
und nimmersatt war mein Hunger
Heute liege ich zeitig flach
und Sex ist eine Fußnote
Einst gierte ich nach Gewaltmärschen
und einer Vergeudung der Kräfte
Heute favorisiere ich den Winterschlaf
und Entsagung quittiert jedes Bemühen
VI
Einst war ich mir wundersam vertraut
und die Säfte stiegen prompt und unaufhörlich
Heute bin ich mein eigener Gegenspieler
und kein Land ist mehr in Sicht
Einst lachte ich über die Blühpausen eines Babyboomers
und startete umstandslos durch
Heute dreht sich nichts mehr um mich
und die Jahre der sich auswölbenden Mitte beginnen
Einst hieß es in dubio pro libido
und ich flirtete ohne Unterlass
Heute lauert der generelle Verdacht
und ich erwidere keinen Aufschlag
Einst warf ich Schatten ohne Scham
und wütete vor Verlangen
Heute dünge ich meine Träume
und hoffe auf himmlische Längen
Einst war ich allzeit just in touch
und konnte die Finger nicht zähmen
Heute gehe ich mit Abstand durchs Leben
und präsentiere Nabelschauen
Einst sagte ich oft Aha
und machte nichts als Oho
Heute denke ich das Alpha
und mutiere doch zum Omega
Einst hatte ich die Zukunft gepachtet
und packte ganze Schlachten in meine Taschen
Heute entblöße ich kaum einen Muskel
und der große Zapfen streicht nicht mehr
Einst putzte ich die Klinken
und wartete auf den Vers
Heute setze ich Lettern aufs Papier
und gucke allzu irdisch aus der Wäsche
Einst residierte ich in Poemen
und labte mich an dunklen Stellen
Heute brüte ich über sinistre Lügen
und kein Haar lässt sich mehr spalten
Einst spielte ich mit dem Leben
und war mir für nichts zu schade
Heute vergesse ich die Anliegen
und hülle mich in den Mantel der Geschichten
Einst tobten auf meiner Zunge obskure Worte
und ich regierte mit trockenem Humor
Heute meistere ich mit Mühe die Ebenen
und jeder Selbstversuch geht in die Hose
Einst ruhte ich im Schatten hoher Bäume
und ein neuer Roman lag auf meiner Brust
Heute bin ich auf dem Weg des Vergessens
und Tränensäcke baumeln im Gesicht
Einst lenkte ich den Großen Wagen
und fütterte meine Marotten
Heute fehlen dem Himmel die Geigen
und ich spiele Mensch ärgere Dich nicht
Einst nuckelte ich an Muttis Titten
und kehrte den Kleinen Kaiser raus
Heute bin ich ein mieser Scheißer
und meine Tüchtigkeit nimmt ab
Einst war die Zeit zum Verplempern da
und süße Girls lasen mir aus der Hand
Heute bekomme ich lange Stielaugen
und öde Entspannungen sind die Regel
Einst scheute ich keine Zielgerade
und geizte nicht mit den Kräften
Heute blute ich Angstschweiß aus
und erschlaffe nach dem Startschuss
Einst erlag ich dem Liebreiz ihrer Figur
und besang sie in höchsten Tönen
Heute herrschen ihre Breitseiten vor
und ich hoffe auf die Demission
Einst vögelte ich im Nebel der Rauchgranaten
und unternahm somnabule Gänge
Heute warte ich lustlos in Schlangen
und ziehe garantiert den Kürzeren
Einst ließ ich dutzendweise Meteoriten regnen
und kassierte Maut für das Leuchten der Sterne
Heute ist mir das alles völlig Schnuppe
und die Gelben Engel stehen im Mittelpunkt
Einst legte ich den Tagen kein Zaumzeug an
und verreiste mit Göttern im Koffer
Heute ringe ich überall um Beistand
und das Staunen fällt aus
Einst schmiedete ich Allianzen
und machte fette Beute
Heute häufen sich die Errata
und ich falle in Absencen
Einst hatte all mein Tun Effet
und ich beherrschte jeden Move
Heute fehlt mir der Drive
und ich lasse jede Chance liegen
VII
Einst vibrierte ich vor Anfängen
und nichts hinderte das Beginnen
Heute schwimme ich mit dem Strom
und Planken gewähren mir Rast
Einst hörte ich die Flöhe husten
und hatte Augen wie ein Luchs
Heute bin ich blind wie ein Maulwurf
und man schilt mich eine taube Nuss
Einst durchschoss ich mit Sonnenfäden meine Texte
und gab dem Affen Zucker
Heute sage ich ja zur eigenen Ödnis
und trage meine Bürde mit Fassung
Einst frönte ich dem Nacktbaden
und kaum ein Auge blieb trocken
Heute sind Figur und Haut erschlafft
und jeder Schall ist eine Schelte
Einst kam ich kaum ins Stocken
und brauchte keine Atempause
Heute halte ich die Hände still
und die Klöten gehen wandern
Einst verdichtete ich den Raum
und gab den Gigolo zwischen den Linien
Heute bevorzuge ich den ruhenden Ball
und tauge nur zum Libero
Einst durchlief ein Zittern meinen Körper
und ich dribbelte durch feuchte Träume
Heute rührt mein Stöhnen nur die Wanzen
und ich gedenke der Zufälle in den Laken
Einst lobten ein Dutzend Münder meine Statur
und ich wiegte mich in eitlem Muskelspiel
Heute braucht jeder Schritt eine Stütze
und ich verschweige meine Not
Einst war ich ein übler Draufgänger
und schickte Salven ins Getümmel
Heute mime ich den toten Mann
und meine Stimme sucht das Weite
Einst stürzte ich Medias in res
und trotzte allen Widerständen
Heute hege ich sanfte Phantasien
und surfe in Mediatheken
Einst suchte ich im Schoß die Quadratur des Kreises
und beteiligte mich am Karneval der Triebe
Heute erleide ich die Torturen eines Greises
und verpasse die Akte beim Dösen
Einst glühte ich fiebernackt im heißen Wind
und lief in schamloser Freude umher
Heute sinniere ich über das Reich des Unmöglichen
und verwalte das Archiv meiner Einbußen
Einst verschob ich die Horizonte
und verlor den Boden unter den Füßen
Heute laufe ich auf Grund
und nichts wiegt mich auf
Einst sah ich im Holz Gesichter mit Hundeohren
und jede Wolke barg fabulöse Gestalten
Heute nährt mich kein Buchstabensalat
und ich winde Figuren ins Leere
Einst sortierte ich die Karten immer neu
und die Joker vermehrten meine Chancen
Heute mogele ich mich durch triste Partien
und kein Mischen heitert mich auf
Einst hätschelte ich meine Neugier
und witterte überall Beute
Heute bin ich ein lahmer Arsch
und spiele nur noch auf Zeit
Einst fielen mir die Schuppen von den Augen
und ich sang von der Leuchtkraft der Dinge
Heute streiken alle meine Sinne
und ich himmle die reinsten Höllen an
Einst hielt jeder Zaunpfahl einen Traum bereit
und ich verkehrte mit dunklen Schönheiten
Heute schmarotze ich von der Tatkraft anderer
und jede Hoffnung ist eitel
Einst hatte ich an jeder Hand einen Silberfuchs
und rezitierte aus dem Stand ein paar Zeilen
Heute hege ich keine Gala-Träume mehr
und jede Tuchfühlung mit dem Labenden bleibt aus
Einst lebte ich jenseits von Fehden
und war voller libidöser Erwartungen
Heute erbreche ich schon am Morgen die Flaschen
und verkrieche mich in künstliche Paradiese
Einst kämpfte ich mit Haken und Ösen
und alles zog mich zur offenen See
Heute schnüre ich ohne Geschick meine Zeilen
und die Lemmata gehen mir aus
Einst hatte ich schöne Tage im Hause der Freibeuter
und es herrschte in jedem Zimmer tiefer Friede
Heute kehre ich nur noch langsam heim
und in jeder Ecke wartet das Taedium vitae
Einst lebte ich im Wonnemonat der Zitate
und die Strophen blühten unermüdlich
Heute muss ich mir die Verse selber schmieden
und mein Schreiben ist der Rede nicht wert
Einst verpasste ich keinen Szenenwechsel
und das Spielen ohne Regeln fiel mir leicht
Heute findet mich kaum ein glücklicher Zufall
und ich verkümmere hinter staubigen Kulissen
Einst kannte ich kein Lampenfieber
und die Worte purzelten mir aus den Ärmeln
Heute zerbreche ich mir vergebens die Birne
und in jedem Satz lauert die Melankomik
…
Gotteslob (Mutters Trost)
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Gegenlicht (Vaters Jacke)
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Verlosung
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Papa ante portas
Ist eine unscharfe Fotografie überhaupt ein Bild eines Menschen? Ja, kann man ein unscharfes Bild immer mit Vorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist das unscharfe nicht oft gerade das, was wir brauchen?
Ludwig Wittgenstein
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Lamentationen eines Mannes mittleren Alters (Erste Folge)
Itzt lacht das Glück vns an / bald donnern die Beschwerden
I
Einst regnete es im Schlaf
und ich schwamm durchs hohe Gras
Heute kommen die Abende früh
und ich bade in trüben Gewässern
Einst schmierte ich die Zahlen
und trat mir ins Kontor
Heute tappe ich lustlos umher
und leiere stets das Gleiche
Einst zog ich das große Glückslos
und gebar die grüne List
Heute hocke ich zwischen den Wänden
und die Augen wachsen zu
Einst applaudierten mir die Nachbarn
und ich poppte reife Püppchen
Heute liege ich im Argen
und keiner zollt mir Respekt
Einst grüßte mich der Tag
und ich lockte mit zarten Avancen
Heute kommt rasch die lange Weile
und ich kippe um ins Leere
Einst kläffte ich mit großem Groll
und alles verging im Nu
Heute spiele ich den eitlen Trickser
und kein Dämon flötet im Kopf
Einst kochte ich den Schmerz
und die Luft war voller Echos
Heute fällt das Licht ins Abseits
und ich vermickre im Perdu
Einst gedachte ich der hehren Liebe
und zehrte vom reinen Märchenglück
Heute häufen sich die Schattenpleiten
und ich matche trübe Tassen
Einst überbot ich jeden Masterplan
und löste alle Wechsel ein
Heute verstummen die Adepten
und ich extemporiere heiße Luft
Einst schlug ich die Zeit tot
und log die Wörter ums Eck
Heute lande ich im Kauderwelsch
und die Phrasen nehmen überhand
Einst beherrschte ich die Mienen
und pisste aufs kleine Schwarze
Heute fällt jeder Clou in den Fettnapf
und ich lande im ewigen Verhör
Einst verzweigte ich mich ins Allerlei
und stieß Jasminduft aus
Heute sitze ich auf der Nadelspitze
und träume von Donna Bella
Einst kurvte ich im Luftraum
und verlor leicht meine Fassung
Heute drehe ich linkisch Däumchen
und pinkle in tote Winkel
Einst war mein Trachten unermesslich
und nichts stammte aus zweiter Hand
Heute verfehle ich das Weite
und jede Fabel bleibt aus
Einst küsste ich den Meeresstrand
und duzte die mutigen Wellenreiter
Heute weise ich alle von mir
und zahle dennoch die Zeche
II
Einst gab es keinen Ort mit Pech
und ich schoss aus vollen Rohren
Heute sitze ich im Fett des Alters fest
und die Muskeln zucken träge
Einst stolzierte ich in praller Sonne
und reifte im Zwielicht nach
Heute lehne ich an schattigen Mauern
und ringe um ein bisschen Luft
Einst besaß ich Lizenzen zum Phantasieren
und drang überall ungeschoren ein
Heute vertue ich nutzlos die Zeit
und äußere nur noch schale Binsen
Einst verrückte ich die Sätze
und musizierte wild mit Tönen
Heute hänge ich in den Zeilen
und die Uhr tickt neben den Zähnen
Einst frottierte ich im Akkord
und checkte jeden Schenkel
Heute fliegen keine Fetzen
und ich gebe kleinlaut bei
Einst war ich beinah verlässlich
und keine Gelenke knackten
Heute rascheln nur die Kopfnüsse
und ich öffne kaum noch Nähte
Einst studierte ich die Fabelwelten
und reüssierte als Debütant
Heute bleiben die Barbaren aus
und ich hoffe auf kein Beben
Einst flipperte ich mit meinen Augen
und die Bilanzen lagen blank
Heute ziehen die Zeichen vorbei
und ich löse kein Versprechen ein
Einst war ich ohne Scham
und voll der inwendigen Lust
Heute bin ich aller Gnaden ledig
und Falten furchen die hohe Stirn
Einst wurde ich mit allen Wassern gewaschen
und die Sonne trocknete die Säume aus
Heute nehme ich keine Termine wahr
und stehe als Ladenhüter vor den Toren
Einst kam ich nackt ins Bett gekrochen
und pellte sie aus den Laken
Heute bedecken uns die milden Daunen
und ich salze das Lager mit Tränen
Einst träumte ich von steifen Brisen
und Eicheln platzten zur rechten Zeit
Heute fließt ungebeten der Speichel
und ich kehre in die fade Hölle ein
Einst grünte ich auf luftigen Auen
und nichts hatte klare Umrisse
Heute wälze ich Steine im Gras
und kampiere in dunklen Höhlen
Einst saß ich an der Tafelrunde des Eros
und setzte alles auf Sieg
Heute trete ich nervös auf der Stelle
und bestreue die Glieder mit Asche
Einst vergaß ich mehr als ich wusste
und hörte die Gräser wachsen
Heute stecke ich im Schwindeln fest
und mariniere die Erinnerungen
Einst hatte ich sieben Schwestern
und sang mit ihnen heiße Lieder
Heute spitze ich die Lippen zum Spiel
und verpasse jedes Date
Einst verbrachte ich leichtgewichtige Sommer
und stolzierte im Dreivierteltakt durchs Feld
Heute stehen die Engel in zugigen Höfen
und ich sitze auf dem Trockenen
Einst bröckelten keine Ideale
und genial war jede Sause
Heute stecke ich in den Fakten fest
und den Rausch gibt’s nur in Maßen
Einst missbrauchte ich Substanzen
und kannte kein Wimmern
Heute schleiche ich dankend ab
und bereise die Welt in Textouren
Einst beglückte ich windstille Heimchen
und lockte Buchstaben in den Hinterhalt
Heute döse ich in der Kuhle des Divans
und lasiere im Traum sanfte Kurven
Einst liebte ich die Schwergeburt
und flirtete mit dem Abusus
Heute luge ich durch den Fadenschein
und leide an meiner Wurstigkeit
III
Einst taugte ich nichts
und las um mein Leben
Heute lausche ich ins Grüne
und treffe nur auf lose Mundwerker
Einst kannte ich kein Enden
und es juckte in jedem Finger
Heute rolle ich nur noch rückwärts
und Expandieren ist out
Einst schwor ich keinem Projekt ab
und faxte Losungen ins Nebenbei
Heute lecke ich meine Wunden
und tue hinter blinden Fenstern nix
Einst kannte ich keine Preise
und blieb in voller Spannung
Heute trickse ich die Währung aus
und hisse weiße Fahnen
Einst liebte ich die Summa
und vergab nicht das geringste
Heute beharre ich auf den Details
und traue mir nur an schlechten Tagen
Einst flötete ich im Garten
und ließ den Salbader wachsen
Heute tröte ich im Geheimen
und habe das Beste hinter mir
Einst rannte ich jedem Blickfang hinterher
und begehrte die Eigengewächse
Heute beginnen die Tage mit Schrecken
und ich lebe in einem Intermezzoo
Einst ergraute ich ohne Hintersinn
und achtete jedes Omen
Heute meide ich gefundene Fressen
und spritze ab ins Klo
Einst hatte Nacktheit Stil
und Reibung brachte Rhythmus
Heute tanze ich öde Standards
und nichts ist der Mühe wert
Einst schwebten Engel über der Druckerschwärze
und der Himmel war aus Papier
Heute bleibt ein jeder in seinem Rahmen
und ich auferstehe täglich mühsamer
Einst feierte ich stille Siege
und war vom Alltag angeheitert
Heute muss ich bei allem zweimal bitten
und kein Schmunzeln zeigt sich für lau
Einst staunte ich mich heiter
und in allen Fugen fegte frischer Wind
Heute breche ich jedes Scherzo ab
und die Dramen nehmen zu
Einst lobte ich die Erschöpfung
und gab den Schemen sicheres Geleit
Heute weise ich alles Verschlossene von mir
und ersetze Erotik durch Methodik
Einst nahm ich nur gereimte Akten zur Kenntnis
und träumte von ungeheuren Chroniken
Heute singe ich klägliche Lieder
und knacke mürbe Geheimnüsse
Einst rührte ich den Donner
und lupfte ein jedes Rätsel
Heute falle ich unverrichteter Dinge aus
und ernte synergetische Defekte
Einst ging ich auf den Strich
und hielt mich gerade bis zum Horizont
Heute streune ich in Serpentinen
und verliere mich Hals über Kopf
Einst hausierte ich mit imperialen Trieben
und ließ keine Gelegenheit aus
Heute krieche ich auf allen Vieren
und die Wünschelrute schlägt nimmer aus
Einst schlief ich mit Rhabarbara Baiser
und ergab mich ihrem Gliederlösen
Heute bin ich ein Amor fou
und die Sehnsucht kommt als Seitenstich
Einst trank ich ein Quäntchen zu viel
und erduldete klaglos jeden Kater
Heute sehe ich anderen beim Saufen zu
und extemporiere über Giftstoffe
Einst kamen auf jede Laus zwei Buben
und ich zauderte bei keiner Verlockung
Heute gibt es kaum noch frivole Momente
und ich drohe im rechten Maß zu erstarren
Einst bot der Alltag Glanz genug
und ich unterhielt mich blendend
Heute entgleise ich nur selten
und die Selbstaufgabe ist passé
Einst war ich Dauermieter im Haus der Nöte
und alles reimte sich auf Klage
Heute ist mir selbst die Bitternis zu fad
und ich sage allen Balladen ade
IV
Einst pflegte ich das süße Nichtstun
und trottete im trägen Blues
Heute setze ich Staub an
und es geht der Wind darüber
Einst pushte ich winzige Illusionen
und radierte Zweifel in Windeseile weg
Heute wache ich fremdelnd auf
und schlage im Handumdrehen Wurzeln
Einst gab es ein Kommen und kein Gehen
und ich hatte das Leben an den Eiern gepackt
Heute reißen die mürben Hoden
und ich mutiere zum alten Sack
Einst war ich ein Heißsporn
und brauchte keinen Joker
Heute schiele ich ins Dekolleté
und verpasse jeden Stichtag
Einst schoss ich durch grüne Wellen
und rot glühte mein Schopf
Heute stoße ich die Völlerei von mir
und jedes da capo bleibt aus
Einst hatte ich kein Kalligramm zu viel
und mein Umriss war ohne gleichen
Heute sitze ich in meinem faulen Atem fest
und jeder Schritt tut weh
Einst irrte ich durchs helle Licht
und keines Gedankens Blässe trübte die Sicht
Heute falle ich unversehens in den Schlaf
und alle Lebensträume sind perdu
Einst betörten mich die Projektionen
und ich übte seltene Dialoge
Heute poliere ich den Himmel
und keine Lichter blitzten
Einst drückte ich willig junge Daumen
und kein Wunsch blieb ungesagt
Heute zetere ich ins Nebenher
und die Tage tragen Trauerflor
Einst ging ich berauscht zu Bett
und feierte fröhliche Urständ
Heute wippe ich talentlos mit
und genieße die Lust an sich
Einst übermannte mich der Gegenwind
und ich war zu Tränen gerührt
Heute rieselt leise der Putz
und ich schleiche übers Los zurück
Einst heftete ich meinen gesammelten Unfug ab
und war beinah unverbesserlich
Heute komme ich mir nicht auf die Schliche
und quittiere Geschehenes mit Verschweigen
Einst rasierte ich ein langes Frauenbein
und vertraute auf höhere Wesen
Heute sitze ich fest in der Misere
und winde mich in epischer Breite
Einst standen die Chancen Schlange
und ich schnappte wie ein Türschloss zu
Heute flechte ich die Nasenhaare
und Schemen zittern vor den Augen
Einst spukte es in meinen Träumen
und ich fiel freudig unter die Diebe
Heute hoffe ich auf einen Coup de grace
und ernte nur das übliche Etcetera
Einst spannte sich ein hoher Himmel über meine Lenden
und ich gönnte mir stets ein Happyend
Heute gibt es keine Gründe mehr zum Wundern
und ich ähnele einer Leiche in spe
Einst war ich aller Bedenken ledig
und kein Blatt kam mir vor den Mund
Heute pfeife ich auf dem letzten Loch
und fahre kaum noch aus der Haut
Einst verfiel ich bei jedem Staubkorn dem Glauben
und die rechten Worte für mein Staunen trafen ein
Heute verschieben sich stets dieselben Kulissen
und ich ergebe mich der Resignation
Einst zündeten Gedankenfunken unter meinen Lidern
und das Niemandsland des Traums war offen
Heute bleibt die innere Mongolei verschlossen
und ich kapituliere vor den Massiven des Schlafs
Einst brüllte ich Gedichte in den Wind
und tummelte mich auf tollen Seiten
Heute reite ich auf dem Rücken eines Buches
und keine Zeile weist mir den Weg
Einst fickte ich die Dinge mit meinem Blick
und ein sattes Kommen füllte mich aus
Heute kann ich kaum den müden Augen trauen
und jedem Anfang folgt sogleich sein Ende
Einst passten die Tage wie Arsch auf Eimer
und ich wusch meinen Kopf mit reinem Wein
Heute schreibe ich Postkarten meiner Malaisen
und sondiere die Prosa des Alltags
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