Einkehr

Manchmal wird mir alles so schwer, dass ich mich setzen muss. Ich schließe die Augen, und es beginnt ein großes Zurückziehen, so weit, bis die Gewissheit herrscht: Ich bin in meiner Stirnhöhle eingetroffen. Von aller Außenwelt abgeschottet befinde ich mich inmitten eines Stimmengewirrs. Ich genieße die Spielbeinfreiheit und die einfache Weise, in sich gekehrt zu sein und dem zu lauschen, was mir zugetragen wird. Bisweilen memoriere ich das eine oder andere Wort, und manchmal auch ganze Sätze, von denen ich glaube, dass sie mir einmal einen Dienst erweisen können. Aber die Enttäuschung war bisher immer groß: Sobald ich sie geäußert hatte, veränderte sich ihr Sinn, die Luft ging ihnen aus und sie sackten in sich zusammen. Es ist, als ob sie nur im dunklen Resonanzraum meiner Stirn einen flüchtigen Trost spendieren. So nehme ich die Worte wahr, wie sie in zufälliger Folge in mir vorüber ziehen, freue mich an ihnen – und vergesse sie. Mein Atem wird ruhiger, die Stimmen verstummen, und nach und nach breitet sich wohlige Stille aus. So geht die Zeit dahin -, und ich erinnere mich schon gar nicht mehr daran, weshalb ich in mein Dachstübchen emigriert bin. Ein Effekt, der belebend wirkt: die Schwere verfliegt, das Dröhnen vergeht, die Mutlosigkeit fällt von mir ab, die Gelenke werden wieder beweglich, die Lunge mag wieder pumpen, das Herz wieder schlagen, und so richte ich mich auf und öffne die Augen. Es klingt unwahrscheinlich, aber plötzlich erscheint mir mein Leben klar und leicht, wild und fremd zugleich. Dieses Mal habe ich noch nicht den Kürzeren gezogen, doch ich warte ein wenig, bevor ich mich aufrichte und in Bewegung setze. Man kann ja nie wissen.

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