Intermezzo IV

Er hat ein Problem in seiner Ehe: Seine Frau mag keinen Free-Jazz. Das ist eine erhebliche Schranke zwischen ihnen. Er beneidet alle Paare, die gemeinsam Free-Jazz so sehr lieben, dass sie keine Mühen scheuen, Konzerte zu besuchen und sich dieser Musik, dieser Explosion von Klängen und Beats hinzugeben. Er legt jeden Abend eine CD ein, aber schon nach einigen Sekunden ergreift seine Frau die Flucht. Ein Freund riet ihm, nicht immer die Konfrontation zu suchen und vielleicht erstmal mit Smooth-Jazz zu beginnen. Doch dazu fühlt er sich außer Stande. Entweder sie weitet ihre Gehörgänge oder er zieht aus und lässt sich scheiden. Er kann unmöglich mit einer Frau zusammenleben, die schreiend den Raum verlässt, sobald Free-Jazz diesen Raum erfüllt. Glücklicherweise hat er schon Scharen von Frauen zu Free-Jazz-Liebhaberinnen gemacht. Dann heiratet er halt eine von ihnen, denn eine Ehe, in der nicht beide dem Free-Jazz erlegen sind, kommt für ihn nicht in Frage. Nur beim Free-Jazz fühlt er sich außer jeder Kontrolle, etwas Fremdes nimmt von ihm Besitz, ein Crash ereignet sich, und er will, dass seine Frau dies auch erlebt, dass sie merkt, wie ihr der Zugriff verloren geht, auf ihn, auf sich, auf die Welt. Ja, er glaubt, das Problem in seiner Ehe löst sich nur, wenn er sich trennt und jemanden sucht, der Free-Jazz zu hören vermag. Andernfalls gleicht jede Ehe für ihn einer Schreckenskammer. Morgen wird er es seiner Frau unterbreiten.

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