Alles geht unter, aber wie wir es gespielt haben, bleibt in der Luft.
(Ilse Aichinger)
Manchmal bleibt ein Haken
zurück, an dem ein kleiner
Sätzling ruckelt, bis er sich
löst und auf die Welt
purzelt:
Aufstieben,
kreisen,
niedersetzen,
und wieder
aufstieben -,
bevor das Netz
e n d g ü l t i g
über uns
fällt
!
Im Federnkino hänge ich einem Dino-Traum nach: Minisaurier verfolgen mich durch ein Labyrinth aus Glaswänden. Wenn sie diese durchstoßen, hinterlassen sie faustgroße Löcher, die sofort in Zeitlupe wieder zusammenwachsen. Ich bleibe bis zuletzt, wie ich mich zu erinnern glaube, unberührt. Nach dem Trostbrot gehe ich nach draußen, wo ein schauerliches Wetter herrscht. Graupel punktieren die Aussicht, trübes Licht liegt auf den Straßen, und in den Zimmern glühen schon am Vormittag die Lampen. Trotzdem begebe ich mich auf die übliche Globetrottelei durch den Alltag, um Fundstücke für meine Splitterchronik zu sammeln. Was mir zuerst auffällt ist das Schritttempo der Autos, eine verlangsamte Geschäftigkeit überall. Dann der winterliche Mummenschanz einiger Passanten, die auf ihren Köpfen leidlich bunte Wollsachen tragen. Aus ihren maskierten Gesichtern erklingen halbverständliche Wortsalven. Eine alte Töle schleicht unlustig hinter einem forsch ausschreitenden Greis her, der ins Frisörgeschäft „Kluge Haare“ einkehrt, wo „Faltensträhnchen“ zum Sonderpreis angeboten werden. Der Hund legt sich erleichtert neben den Eingang. Eine piekfeine Oma stolziert auf dem Gehweg an ihm vorüber und scheint ihr frisch frisiertes Haarwerk zu lüften. Ein süßlich-schwerer Parfümduft steigt mir in die Nase. An einer Ampel strauchelt ein alter Mann beim Überqueren der Straße. Hilfe lehnt er stöhnend ab. Kurz vor dem Kanal fordert ein Graffito „Dosen fürs Volk!“, was mich ratlos weitergehen lässt. Eine alte Frau mit Munaske füttert die Enten und Gänse. Ich kalauere: „Fütterung der Raubtiere.“ Sie kontert: „Die Raubtiere sind wohl eher die Menschen.“ Am Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand hat sie Hansaplast angelegt. Meinen verwunderten Blick bemerkend, klärt sie mich auf: „Damit die Haut nicht flöten geht.“ Dann setzt sie ihr liebevolles Füttern der Federtiere fort, und ich nehme meine Runde wieder auf. Ziehharmonikabusse rauschen an mir vorüber. Ich erinnere mich an meine mulmigen Gefühle als Jugendlicher, wenn der Bus in die Kurve ging und ich mich auf der beweglichen Plattform aufrecht halten wollte. Körnige Eiskristalle glitzern auf dem Moosteppich einer brüchigen Backsteinmauer, und plötzlich zeigt sich eine dunstverhangene Sonne, wie ein regloses, gelbes Katzenauge. Die Kälteglocke ist spürbar über allem. Eishäutchen, Salzkristalle, Frostpfützen. Im Matsch sehe ich mehrere herzförmige Ballons, die ihre Luft verloren haben und nun als verschrumpelte Hüllen zur Karikatur ihrer einstmaligen Prallheit verkümmert sind. Ich höre Blockflötenspiel in einem Hinterhof und gehe hinein. Es ist nur ein dünner Ton und die Melodie wird sehr brüchig vorgetragen. Ich lege eine Ruhepause ein und setze mich in einen neben den Mülltonnen abgestellten Schaukelstuhl. Bewegte Unbewegtheit. Durch ein Fenster sehe ich einen Fernseher leuchten. Ein wechselnder, bunter Bilderreigen, aus dem ich kurz eine Szene isolieren kann, in der ein Leopard eine Gazelle reißt. Etwa zeitgleich stolpert vorne auf dem Trottoir eine Passantin und flucht: „Das Pflaster ist total uneben.“ „Wie so vieles im Leben“, erdreiste ich mich ungefragt zu antworten, worauf sie sich konsterniert abwendet. Ich verlasse den Hof und bestaune nach wenigen Metern die Auslage des „Miederstübchens“, in der neben Balconette-BHs ein Leibwärmer aus Angora liegt. Angenehme Vorstelllungen ziehen an meinem inneren Auge vorbei, während meine äußeren sich am Glanzlichtwechsel auf dem Wasser eines Kanals erfreuen. Bei einer Müllverwehung fällt mir eine kohlrabenschwarze, vertrocknete Bananenschale in den Blick. Starr, wie plastiniert kommt sie mir vor. Ihre Silhouette erinnert mich an ein urzeitliches Flugtier, vom Zufall kreiert. Ich stecke sie ein. Auch sie ist eine Sonderausgabe, wie jeder Tag, den ich vergehe. Im Schaufenster des Malers O. schmunzle ich über dessen Kuh-Obsession, mit der er die Wiederkäuer in allen Stellungen auf seine weißen Leinwände bannt. Auf einem Bild hat er einen Esel unter die Kühe geschmuggelt. Besonders apart sind die friesartigen Porträt-Köpfe, die aus der Ferne wie abstrakte Fleckenmuster wirken. Sie tanzen vor meinen Augen und lassen mich an die Traum-Dinos der vergangenen Nacht denken. Ein herrenloses, schmutziges Stoffkissen mit einem darauf gestickten Hundemotiv ruht auf einem Stromschaltkasten. Daran ist ein Zettel geheftet, auf dem zu lesen ist: „How could any meal not be an anticlimax after those weekends?“ Was für eine rührende Installation, könnte in jeder Galerie der Gegenwart den Kunsttest bestehen. In der Kneipe „Zum runden Eck“ lassen die Thekenhocker die Zapfhähne krähen. Biberiker à la Frank Schulz, der sicher auch einen kleinen Hormonschock erlitten hätte, wäre er – wie ich jetzt – mit seinen Stielaugen auf diesen wunderrunden Po gestoßen worden: ein seltenschöner Hinter(n)halt. Ich werde durch einen zahnlosen Greis befreit, der einem Fußgänger hinterherschimpft, der bei Rot die Ampel überquert. Seine mahnend erhobene, rechte Hand zittert noch länger in der Luft, in der nun wieder leichte Schneeflocken umherwirbeln. Ich fröstele, wende mich heimwärts, und kurz vorm Einkehren spricht eine Nachbarin, in gebotenem Abstand, mich an: „Ist Ihnen kalt?“, worauf ich trocken mit Ja antworte und sie mir abschließend mitteilt: „Mir auch. Ich friere lieber im Sommer.“ Nicht wenig verwundert über diesen Return, gehe ich auf meine Haustüre zu und finde auf dem Boden das Foto eines Hundewelpen mit der schriftlich fixierten Aufforderung: „Wollt Ihr, dass der ins Tierheim kommt? Helft uns!“ Ich trete mit dem Gedanken in den Hausflur ein, dass selbst solche rührigen Fürsprecher den Dinos das Aussterben nicht hätten ersparen können. Abgefüllt mit tierischen Eindrücken mache ich mich an den Aufstieg ins dritte Obergeschoss, wo ich ganz langsam die Türe öffne und mich innerlich gegen Überraschungen durch Lebewesen jedweder Art zu wappnen versuche … Quel parcours, denke ich bei der Umschrift meiner Notate ins Reine und höre dabei zu Ehren dieses Gangs Le Carnaval des Animaux.
In der Stadt zu gehen, bedeutet beispielsweise, nirgendwo zu Hause zu sein, unter ständiger Desorientierung zu leiden. Fußgänger sind bemerkenswert gleichgültig, was vorgeschriebene Verkehrsrichtungen angeht, und zugleich extrem aufmerksam für ungewöhnliche Orte mit lichten Durchblicken. Das Stadtgebiet, das sie durchqueren, entzieht sich der panoramischen Ordnung: Sie erkunden es selektiv, achten auf dumme Kleinigkeiten und Trivialitäten. Der Fußgänger wittert wie ein junger Spürhund die verstörenden oder verlockenden Gerüche, den Duft aus Bäckereien, den strengen Geruch aus Fleischereien, den Gestank aus Kneipen, das Parfüm von Passanten, und so fühlt er sich von etwas Mächtigem überflutet, das ihn übersteigt.
Das ist die ewige Vergeltung der Stadt als Palimpsest, als Überlagerung widersprüchlicher Erinnerungen, als Kollision von Epochen, als Maschine, die zu komplex für mich allein ist: Hier habe ich nie das letzte Wort. Die Poesie der winzigen Dinge überrascht uns – eine Blume, die zwischen Pflastersteinen sprießt, ein ungewöhnliches Schild, ein Schlafender, der am helllichten Tag auf einer Bank gestrandet ist. Gehen bedeutet, kleine Unebenheiten zu erfassen, Türen zu neuen Welten aufzustoßen, Geschichten ohne Worte einzufangen, die Geheimnisse von Bretterzäunen, Abrisshäusern und undefiniertem Gelände zu sammeln. Es bedeutet, in einer einfachen Treppe ein Bilderrätsel zu sehen, in einem Fensterrahmen ein Gedicht, mit anderen Worten: in jedem Moment Mythen des Ortes hervorzubringen. Es gibt Orte, die bleiben stumm und sind auf ewig in ihre Vergangenheit eingemauert, und es gibt andere, die sich anfangs widerstrebend zu offenbaren scheinen, doch sich dann wieder verschließen wie ein Grab.
Das Gehen hat die Struktur einer Rhapsodie: Der Fußgänger macht Katzensprünge über Löcher, folgt der schillernden Vielfalt der Plätze und Alleen, doch diskontinuierlich, ohne sich an deren Verlauf zu halten, und lässt so ganze Straßenabschnitte der Vergessenheit anheimfallen. Beim Gehen entfaltet sich dem langsam Gehenden die urbane Landschaft und bietet so ihrem Beobachter stets neue Perspektiven. Die Stadt beherrscht die Kunst der Lücke. Ziellos über den Asphalt spazieren, ohne Bezugspunkte, mit faszinierender Unmotiviertheit, dem Unbedeutenden ebenso wie dem Spektakulären Beachtung schenken – das bedeutet, einen ganz neuen Blick auf das Stadtgebiet zu werfen und sein Auge zu erholen. Das ist die Ethik des urbanen Nomaden, der die Wunder der Großstadt sucht.
(Pascal Bruckner)
Am laufenden Meter durch stehende Hitze in gähnender Leere
Sätzling: Vor lauter falscher Vertrautheit wurde sie mir endlich fremd und widerborstig
Wildsaurier und Möwenschatten und Lerchengezwitscher und Miasmen, dazwischen der Schriftzug, gelegt mit Fundsteinen: Vil du giftes med me, und Verleser wie: Kunstbefestigung zur Abwehr des Staunens
Am Morgen kindlicher Singsang: homo sapiens innocens, dann Möwenklagen, Vogelgezwitscher, weißblauer Himmel, Sonnenschein, hell leuchtendes, nasses Gras, Insektengesumm, leichter Windhauch, Motorboote in der Ferne, ein Überschuss an Grüntönen
Er sagt: Immer noch können nur meine Augen lachen, der Rest des Gesichtes ist maskiert
Sie sagt: Manchmal bin ich in Schlager-Stimmung, und dann hebt die Zeit zu träumen an
Er sagt: Bald bin ich von allen verlassen, nur nicht von mir, leider
Slow understanding of nuances: Minimale Veränderungen im zeitweiligen Stillstand
Chaosmose à la Jorn: Creation by dissolution
Danish Dynamaids allerorten, langbeinig, schlank, braungebrannt, blond – und ER welkt dahin vor Gram ob seines fortgeschrittenen Alters, in dem nur noch Vergnügungsfahrten in stillen Gewässern möglich sind
Ein kühler Schauer der Lust, des imaginären Zupackens und Überfallens, überkommt ihn, als ein postolzer Teenie am Abend im letzten Licht posiert und in die ruhige O-See steigt
Wie gut hier zu sitzen in der Loge und die Passanten und Autos vorbeiziehen zu lassen wie gut nicht dazuzugehören wie gut nur zu schauen wie gut nichts zu tun zu haben wie gut den Blicken entzogen zu sein
Hörstück: Ist da oben eine Schnecke? Wieso? Ich wollte da einen Galgen anbringen
Inmitten des Entsetzlichen „glücksfähig“ bleiben, ohne Reue: Geht das denn, fragte sie mich
Die Unbekannte hatte ihre Regel: Nie ohne Höhepunkt in den Tag starten
Ich ziehe mir Sätzlinge rein wie andere Pornoclips:
Über die Seufzerbrücke ins Nichts – Träumen für lau als Schwarzfahrer in Absurdistan – Eben wurde ich zum Nichtstun aufgerufen
Frau mit Frisee-Salat … auf dem Kopf
Titel: Angeln im Ödland
TV-Zitat: Die Leuten müssen geholfen werden
Bild: Feldbetten in der Boxengasse
Hörstücke am Morgen auf der Marika: Hexepädche Behelfsheime Gurren lehrt Sehnsucht Vielfalt der Welt Brausepulvertütchen erinnern an das Glück Bucht zum Baden Je nachdem worauf Ostern fällt Teufelsfuß mit Regenwasser Man kann sich nicht sattsehen Unverdrossene Feldwege Mürrische Schotterstraßen Warten auf die gemurmelte Absolution Kirche von innen auffressen Orgelmusik fällt von oben herunter so lange schauen, bis man sorglos wird Weihrauchohnmacht Goldener Himmel wie auf einem Andachtsbild Flüchtlingsmohnmühlchen
Traumsatz: Ich war im Eimer und schöpfte Meer
Das wehmütige Wedeln eines Schwanzes beim Gehen
Canabisduftwolken allerorten
Verleser: VersEnde statt Versende & Tavor statt Davor
Satz: Der ist schon alt, der muss auf seinen Koffeinspiegel achten
Satz: Ich hab‘ keine Rinde bis zum First
Verleser: Ich habe nahezu getwittert vor Wut
Zitat: Ein Leben hätte anders verlaufen können, aber erst, nachdem es gelebt wurde
Lebenslauf:
Erstes Aufleuchten
Mittleres Glänzen
Letztes Schimmern
Was nicht alles habe ich nie eines Blicks, geschweige denn eines Worts gewürdigt? Versäumnisse pflastern meinen Weg