GEBRAUCHSANWEISUNG FÜR EINEN DIESER TAGE

Also,

wenn deine Frau zur Arbeit gegangen ist, verschaffst du dir im Bad erstmal Erleichterung.

Dann legst du Marika flach und dehnst bei einer Französischen Suite deine Glieder.

Danach sitzt du auf der Loggia und trinkst in der Sonne Kaffee, schaust auf die Straße und bemitleidest die Köter, die ihre Tage winselnd am Ende einer Leine verbringen müssen.

Zur Entspannung surfst du frei nach Plan durchs Web und landest auf Sites, die dein Hirn mit versauten Dingen ablenken.

Du nimmst eine kalte Dusche und entschließt dich zu einem Gang.

Wenig später streunst du durch die Gegend, was die beste aller Arten ist, die Zeit zu verplempern.

Raus aus der Tür und vorbei an hüstelnden Nachbarn, die du verschämt grüßt, nimmst du nach wenigen Metern ein scharfkantiges Hacken-Klack-Klack hinter dir wahr und verlangsamst deine Schritte.

Eine junge Frau in Rot überholt dich, und du folgst ihr bis zu einer Ampel, um dort sekundenlang in ihrer Parfümwolke zu verharren.

Noch bevor die Ampel umspringt lässt du sie links liegen und kehrst ins Forum ein, kaufst eine neue Kladde und siehst in einem Tierfilm, der im Schaufenster eines TV-Ladens läuft, wie ein Gepard eine Gazelle reißt.

Die Eleganz des Tieres gefällt dir, seine zielsichere Sprungkraft deprimiert dich eher, weshalb du das Interesse verlierst und dich auf den Weg machst.

Draußen schaust du in vorbeieilende Leichenbittermienen, notierst dir erschöpfte Gestalten, die schwer atmend im Schatten auf Mülltonnen rasten, beobachtest Passanten, die unermüdlich ihren Kopf schütteln und vor sich hinfaseln, wunderst dich über gertenschlanke Mädchen in Shorts, die sinnbefreit in ihre Handys kreischen, und staunst zuletzt Kinder an, die sich über sanft treibende Taubenfedern in einer Regenlache freuen können.

Zuhause liest du ein oder zwei Poeme, um runterzukommen.

Dann wirst du müde und lässt dich fallen. Ohnehin ist es schon Abend.

Du trinkst noch ein Bier, und mit dem Gefühl, ziemlich heil durch den Tag gekommen zu sein, liegst du im Bett.

Das wird sicher keine schlimme Nacht, denkst du, und tauchst in den Schlaf ein.

Als letzte Meldungen entlässt Du einige Schnarcher in die Dunkelheit.

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Geflecht

Selbst

Die meisten Menschen haben den Mut, ihr Leben zu leben, aber nicht den Mut, sich ihr Leben vorzustellen.
(Jean-Luc Godard)

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Hecke

Es ist die Hölle, nichts zu tun zu haben, und erbärmlich ist es, etwas zu tun. Wenn wir innehalten im Tun, dann schweifen unsere Blicke ab, werden stumpf und leer, wir erschrecken, erblassen vor dem Nichts, in das sie gleiten, also halten wir uns fest an den winzigen Hälmchen unseres Alltags, am Fensterputzen und Einkaufen, am Briefeschreiben und Haarewaschen, wie entsetzlich die Leere, die Muße, die dahinter lauert, wir sehnen uns nach Tätigkeit, und sei sie noch so unsinnig, weil wir es nicht ertragen, in den Pausen, die dazwischen entstehen, unser Verglimmen zur Kenntnis zu nehmen.

(Matthias Zschokke, Der dicke Dichter)

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Verhangen

Im Traum ging ich so vor mich hin und schaute nach oben, dabei hoffte ich auf einen verlässlich blauen Himmel und dachte noch, dass es schön wäre, wenn in ihm kleinere Haufenwolken treiben würden und ein milder Wind ihren Zug vorantreibe, ich schaute also voller Zuversicht und im Vollbesitz meines Sehsinns nach oben und erschrak: Das Bild des Himmels, das sich mir zeigte, war unscharf, wie von einem blauen Schleier verhüllt. Zunächst glaubte ich, es läge an meinen Augen, rieb sie ein wenig und blickte wieder nach oben. Aber nein, die Unschärfe blieb. Es war, als ob ein feinmaschiges Netz gespannt worden war, das nun den Himmel bedeckte. Aber warum? Was sollte diese Vermummung? Schützte die Gaze mich oder den Himmel? Und vor was eigentlich? Ich trottete mit diesen unbeantworteten Fragen umher, bis ein Freund von hinten tönte: Gott ist ein Maskenbildner. Ein Lachen weckte mich auf.

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Bettstatt

Im Traum hatte ich Glück, denn ein Mörder verpasste mich, auch der Kampfhund von nebenan trottete an mir vorüber, ohne mich zu beachten, der Wahnsinn befiel andere, die gefährlichen Frauen ließen mich links liegen und ich blieb von Irren verschont, wurde weder vergewaltigt, ausgeraubt noch gefoltert oder überfahren, die Äxte in den Händen derer, die Übles wollten, blieben ungenutzt, und in der Frühe, noch im Halbschlaf, wurde ich unter einem Berg von weißen Decken mit großer Übersetzung vernascht. So war das.

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Traumfrau

Im Traum lächelte mich eine Frau an und fragte: Was tun Sie? Ich verliere Zeit, sagte ich. Ich bin ein Zeitverlierer, das ist meine Arbeit. Ich verschwende sie nicht, ich verliere sie einfach. Ich bin froh, wenn sie davon ist und warte, bis sich wieder genügend Zeit einfindet, die ich verlieren kann. Dieses Warten ist mein Tun. Ich legte die Arme um die Frau und küsste sie. Danach veränderte sich alles. Ich erwachte.

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Gesichtsverlust

Im Traum kann man nie wissen, wer einem von hinten auf die Schulter klopft. Ich drehe mich um und erkenne ihr Gesicht nicht auf Anhieb. Die Augen sind klein, die Nase platt, die Lippen mürbe, und doch blitzt etwas auf zwischen uns, eine Erinnerung. Jedenfalls zeige ich mich von meiner besseren Seite und spendiere ihr ein wenig Zeit. Sie willigt ein und wir gehen was trinken. Beim ersten Bier verfällt sie ins Reden über ihr tristes Leben. Ich weiß nichts zu erwidern, spare mir die Fragen und gebe ihr noch ein Bier aus. Als ich ihre schönen Hände streichle, werden ihre Züge entspannter. Ich schaue sie an und vergesse den Verfall, ignoriere die faltige Haut. Langsam wird sie friedlich. Ein letzter Drink noch, dann verlieren wir uns auf der Straße aus den Augen. Ich gehe drauflos und sinniere, doch an ihren Namen kann ich mich nicht erinnern.

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Gummi des Tages

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Und es geht vorüber

Was für ein Morgen
am offenen Fenster:
luftiges Blau, fabelhaft
locker ziehende Wolken.
Kühle breitet sich aus
in den Räumen. Alles hat,
endlich, wieder ein Maß.
Die Knochen rüsten sich,
Bewegung scheint möglich.
Das ermattete Ich wagt
sich hinaus. So einfach
ist das. Und so klar
und einleuchtend.

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Däbsch

im Kopp. Kaum ein Hauch, geschweige denn Wind ist zu spüren. Kein kühles Fleckchen mehr in der Wohnung. Einzig der Durchzug verschafft Linderung, die trügerisch ist, denn mit ihm kommt auch die Hitze in die Zimmer. Und der Staub, in dem ich eine Tropfspur nach der anderen hinterlasse.
Ich erledige mit Mühe den kleinen Alltag. Obst einkaufen, Kaffee trinken, Zeitung lesen, den Abfall schnüren und runter bringen, die Treppe wieder hochgehen, hinlegen, ausruhen, irgendwie den Kopf beieinander halten oder doch lieber gleich die Augendeckel schließen und einnicken, auf dem Laken zerfließen, wieder aufstehen, mit dem neuesten Leporello der Kunsthalle sich ein wenig Luft zufächeln, Wäsche machen, das Abendessen vorbereiten, die Lieben empfangen, gemeinsam essen, spülen, und später auf dem Balkon das Abtauchen der Sonne mit einem kalten Rosé begrüßen.
Wenn ich so den Tag vertaumle, überkommt mich in der Dämmerung eine leise Panik, ob ich nicht etwas tun, planen oder überhaupt können sollen müsste, doch die Hitze lähmt mich, sie zerstreut jeden noch so kleinen Gedanken unauffindbar. So verludere ich die schwülichten Tage und verdöse die Zeit wie eine halbtote Fliege.
Für einen Temperatursturz würde ich einen Mord begehen, … oder lieber doch nicht.

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