Extemporalien in Dosen oder: Schreiben aufs Geratewohl

Ich saß coronahalber auf meinen vier Buchstaben und ging in meinem Kopf fremd. Dort erschienen mir Sätze, die sich unaufgefordert vermehrten. Ich gab ihnen Nummern und doste sie ein

Dosis VII

61 In ihrem Gesicht debütiert die Lust. Er gratuliert ihr zur Feier des Hier und Jetzt. Ungeheuer kühn steuert sein Mast in die Meerenge ihrer Brüste. Dort sind sie dann auf Gnade und Ungnade dem Verlangen preisgegeben. Das Vordringen nimmt seinen Lauf, weit weg von jeglichem Lebewohl, für das es keine passenden Worte gibt

62 Gestern morgen habe ich auf der Loggia die Zeit versessen mit leichter Lektüre. Einiges verfing sich, blieb haften, beflügelnd, manches verlor sich wie ein flüchtiger Kuss, der auf den Lippen verdunstet. Mittags tönten die Glocken gegen die Sirenen an, der Himmel spannte sich lilablau über eine verkehrsarme Straße, und ich gähnte in die Windstille hinein

63 Lange Zeit nahm ich kein Blatt vor den Mund. Eines Tages aber entdeckte ich, wie wohltuend tief man in sich hineinfallen kann, wenn einem die Worte ausgehen und sie nicht mehr zurückkehren. Seitdem trete ich in dieses Schweigen ein, sobald im Verkehr mit den anderen die Nähe zu verletzend wird. Dort harre ich dann wie in einer inneren Verwahranstalt aus, bis die Luft rein ist und die Kulissen verschoben sind

64 Ich fuhr zwischen die Zeilen und landete auf einer weiten Ebene, in der einzig mein Jammern mir zu Ohren kam. In leiser Verzweiflung setzte ich die Reise fort, durchmaß Mündungen und Kehlen, bis ein Schlüssel sich im Schloss drehte und ich unter einem Brausebad erwachte, dessen eiskalter Wasserstrahl mir die Sinne zurückbrachte

65 Ich bin die Ruhe selbst. Oder nicht ganz. Meine letzte Sorge besteht darin, Opfer eines unvorhergesehenen Zwischenrufes zu werden. Dem könnte ich nichts mehr entgegnen, es wäre das Ende. Von mir bliebe nichts weiter zurück als ein mattes Pfeifen, weiter nichts. Traurig, aber wahr

66 Er ist jetzt an einem Punkt angekommen wo es keinen Punkt und kein Komma mehr gibt überhaupt kein Satzzeichen lässt sich mehr blicken nur noch Worte oder nein selbst die Worte sind verzogen und übrig bleiben nur noch B u c h s t a b e n  d i e  v o n  e i n a n d e r  A  b  s  t  a  n  d  n  e  h  m  e  n  i    m    m    e    r      g      r       ö       ß       e        r        e       n      A        b          s             t               a                 n             d

67 Das Nichts ist zum Greifen fern, als das letzte Licht den Disput mit der Nacht verliert. In völliger Dunkelheit schalte ich auf Autopilot und sinke ins taubenetzte Gras. Was sich dort regt, entzieht sich mir. Unaufgeklärt treffe ich ins Schwarze

68 Komm Roman, lass dich sehen, steig aus den Falten meines Hirns, setz dich frei in Szene, als Akteur auf der offenen Bühne der Straße vor mir, wo sich gerade die Fassaden mit den Linienbussen duellieren, in einem Frühlicht, das den Passanten salutiert

69 Oh, du schwärende Seltsamkeit der Stadt, was liegst du mir schwer im Magen. Gegen neun musste ich die Rechnung für meine Freiheiten zahlen, der Ruin nahm seinen Lauf, und der Rotor setzte seine Flügel in Gang, um die Lust der Sanitäter zu steigern, die sich um mich scharten, als schon alles vorbei schien, nichts jedoch zu hören war vom Scheppern der Rollkoffer, einzig die Sentenzen der Segler konnte man vernehmen, wenn die Ohren sich spitzten

70 Ein kleiner fieser Nebelton schiebt sich ins Gewölk. Der Staub leuchtet schwach, ich aber lese launige Fußnoten, die den Gegenzauber auslösen. Ein Blaumann torkelt ins Freie, beladen mit Kummer, doch die Gattin hilft ihm eigenhändig, sein Verlangen zu stillen. Dann wird der Mond aus seinem Bau verscheucht und schlägt im Dickicht der Nacht seine Haken. Von hier aus sind es nur noch ein paar Wörter bis zum Schluss

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Gently disturbed

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Extemporalien in Dosen oder: Schreiben aufs Geratewohl

Ich saß coronahalber auf meinen vier Buchstaben und ging in meinem Kopf fremd. Dort erschienen mir Sätze, die sich unaufgefordert vermehrten. Ich gab ihnen Nummern und doste sie ein

Dosis VI

51 Der graue Himmel fragt sich, ob er die Sonne durchbrechen lassen soll. Im Kummerfeld zwischen den Ahnen schöpfen wir unterdessen aus der gemeinsamen Grube Stoff fürs Schreiben. Im Hintergrund intoniert das Handstreichorchester ein Lento assai

52 Draußen verklingen die letzten Silben, und kein Dichter garantiert mehr kalte Phantasien. Bläulich schimmert der Blick von den nahverwandten Menschenkindern, denen der Luftmangel allerhand zumutet, nur der Boss diktiert die Reihenfolge der Ereignisse, und die Dichte freundlicher Lamellen verzögert das Eindringen der Sonne. Hinausgehauen mit feuchten Fingern zittern die Buchstaben überm Blatt: ESHATMICHERWISCHT

53 Das letzte Blinzeln kehrt den Sinn um. In der Pupille glüht ein Stern, der nicht erlöschen mag. Am Himmel ein Bildersturm mit Wolken und ein Schwarm von Staren

54 Blütentriller verklingen im Sonnenschoß, Windrufe treiben ins Himmelsnetz, Schattenpilze zappeln in unsicheren Verhältnissen, Kullertränen zittern im Blickwinkel

55 Ich habe Glück, denn mein Mörder verpasst mich, auch der Kampfhund von nebenan trottet an mir vorüber, ohne mich zu beachten, der Wahnsinn befällt andere, die gefährlichen Frauen lassen mich links liegen und ich bleibe von Irren verschont, werde weder vergewaltigt, ausgeraubt noch gefoltert oder überfahren, und die Äxte in den Händen derer, die Übles wollen, bleiben ungenutzt, sobald ich im Takt stammle: Laben Loben Lieben

56 Gestern, beim Eintritt in die seit Wochen verwaiste Wohnung, drängte sich ein Geruch auf, der mir wie eine vertraute Kontaktspur in der Luft vorkam

57 PaniKa passiert im Schnelldurchgang die Straßen, übt hier und da ihren Gesang auf Plätzen, die mit rotlappigen Blumen in Würfelbottichen verstellt sind und spielt die joviale Fremde, der niemand etwas anhaben kann. Die Worte Heimat und Schwermut klammert sie aus

58 Im Inneren des Traums bietet sich mancher Satz feil, der mit seinem schrägen Sinn die Phantasie kitzelt: Im Wind kann man nicht hausen

59 MissBildung hinkt Tag für Tag an meiner Loggia vorbei und hofft, von niemandem gesehen zu werden. Ich halte mich bedeckt, merke aber, wie es in ihr tobt. Eine Stimme aus dem Off zählt unnachgiebig die Hürden, die sie nicht nimmt

60 In der Nacht fiel der Mond aus. Mit kleinen Schritten gingen wir Hand in Hand durch die Finsternis. Ein Schwindel erfasste uns und nur langsam lösten wir die Hände, um endlich den Wind zwischen die Finger fahren zu lassen. Dann warteten wir auf eine neue Wendung, eine Verwicklung, ein Etwas

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Sometimes

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Extemporalien in Dosen oder: Schreiben aufs Geratewohl

Ich saß coronahalber auf meinen vier Buchstaben und ging in meinem Kopf fremd. Dort erschienen mir Sätze, die sich unaufgefordert vermehrten. Ich gab ihnen Nummern und doste sie ein

Dosis V

41 Am Morgen: Begegnung der dritten Art mit dem Spiegel. Nein, das bin ich nicht, noch nicht, ich bin auf dem Weg dahin, aber noch bin ich unterwegs und nicht angekommen. Oder doch? Ich fühle, was ich sehe, und kann es doch nicht glauben. Wohin mit dem, was ich sehe? Nach draußen tragen, offen, unverstellt? Niemals, vielleicht

42 Nächstens fahre ich ab und zu in dich hinein, erst noch zur Probe, aber dann, um endlich mit Stumpf und Stiel in dir zu verschwinden

43 Vorbei das unverschämte Blau der letzten Tage, das Schweißbad für lau. Heute zeigt der Himmel kein Einsehen, bleibt grau verhangen. Kühl streicht der Wind um die Waden. Dumpfe Orgeltöne wabern durch die Luft. Keine Stimmen, nur Laute sind zu vernehmen. Eine Amsel singt auf dem First, immerhin, mit starkem Hall in den Straßen, und begleitet vom wilden Gezwitscher der Spatzen. Ich verharre auf dem Fleck. Horche, schaue, glaube zuletzt

44 Durch einen Fingersatz verstört zu werden bedarf es wenig mehr als einiger zärtlich angeschlagener Klavierakkorde von nebenan

45 Alles durchwühlt, keine Kerze gefunden, nur Akkus, zu denen die Geräte fehlen. Eine Wut befällt mich, aber ich lasse alles sein, um die Recherche nicht zu gefährden

46 Finsterer Tag, geeignet im Dunklen zu hausen wie in einem Gehäuse, für andere unsichtbar, und im Inneren herrscht eine unendliche Reichweite

47 In der Bar jeder Vernunft versuche ich, es mir gemütlich zu machen. Niemandem fällt auf, dass die Luft rein ist, als ich ihre Brüste sehe. Vergessen bietet nur das Tiwi: Match Point. In der Dunkelheit der Nacht tapse ich durch Gänge mit Wänden, aus denen feine Härchen wachsen, die mich erregen

48 Eben war mir, als sei ich du. Vor Schreck stockte mir der Atem. Wie kann ich du sein, wenn ich doch nicht will, was du musst. Zum Glück war es nur eine Täuschung, die wenige Sekunden anhielt. Aber sie raubte mir alle Kraft, und so legte ich mich hin und ruhte wieder in mir

49 Mir fallen die Augen raus. Ich höre sie auf den Boden kullern. Keiner hilft mir beim Suchen. Die Pendeluhr schlägt. Ich bin ganz Ohr, zähle die dunklen Stunden und werde ruhig dabei

50 Ich kenne ihn, den traurigen Alten von nebenan, der heute seine Zeit damit zu vertreiben versucht, das Auto in einer Lücke zu parken, bis der Sprit ausgeht und er beruhigt die Zündung abstellen und sich davon machen kann, hinein ins dunkle Treppenhaus, wo er die Stufen hinaufgeht bis zur Schwelle vor der blitzblanken Wohnungstür, hinter der er dann darauf wartet, dass seine bessere Hälfte kommt und ihn herzt

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LOST CATS FIND NEW WAYS

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Extemporalien in Dosen oder: Schreiben aufs Geratewohl

Ich saß coronahalber auf meinen vier Buchstaben und ging in meinem Kopf fremd. Dort erschienen mir Sätze, die sich unaufgefordert vermehrten. Ich gab ihnen Nummern und doste sie ein

Dosis IV

31 Grillen kreisen durch den Raum. Nur du, Heiliger Durchzug, weißt, wo und wann sie sich niederlassen werden. Doch sie zieren sich derart, dass ich sie passieren lassen muss. So bleibt das Spiel heute aus

32 Draußen herrscht ein unbekannter Plot. Ein Rauschen und törichte Rufe, dann ein Knall, dem nichts mehr folgt. Endlich kann ich in den Keller flüchten und meinen Mund auf die Leine hängen, wo er abtropft und Lachen bildet

33 Ein Neunmalkluger besäuft sich in der Nähe des rechten Winkels. Dort lohnt der Sex zwar die Mühe nicht, aber das Programm zahlt sich aus, wenn für die Unterhaltung der Akteure die Sanftmütigen sorgen. Dann kann man es wenigstens als Schlankheitskur absetzen

34 Die Coolness weilt im Nebenher, während der Gourmand ins Leserkontor versetzt wird, wo er seine Kräfte einbüßt. Die Ammoniakwinkel verströmen Düfte, die noch den geübtesten Träumer ins Grübeln geraten lassen. Im Zentrum der Affinitäten zirkulieren derweil die Fingerzeiger und rufen ihre Beschwerungen aus

35 Mein heiles Gänsje, ich bin dein Widder mit dem Schwänzje, immer widder wird’s widder gut, wenn’s Schwänzje im Gänsje ruht

36 Die Muse kam als grüne Fee und hinterließ einen Kater in der leeren Wohnung. MissMut fand ihn vor und knüpfte ihn im Bad auf. Dort tropfte er ab, bis der Klempner kam und ihn ausweidete. Hoffentlich löste er damit keine Panik bei den anderen Haustieren aus. Derweil stromerten vor dem Fenster simple Schatten vorbei

37 Du hast soeben den Text verlassen, geschwinder als meine Finger deinen Namen niederschreiben konnten

38 Und schon kracht der Hausregen runter und nässt das Sofa. Ich ziehe ein Brotlos, weiß aber nicht, wie es zu verzehren ist. Erschöpft rühren die Neider ihre Malaisen, beschweren sich aber erst, als auch das letzte Wort verschoben wird

39 Ich sitze auf schmalstem Grund, lese von einer Zeit, die einem aus der Hand frisst. Das Licht tritt durch das Fenster ein, die Landschaft reist an mir vorüber und nichts fehlt

40 Honey meint: A lot of people will be benefited from your writing. Dabei liest doch kaum einer meine Petitessen. Das sind schon schräge Vögel, loben, was sie nicht kennen, um auf sich aufmerksam zu machen. Aber an manchen Tagen sind selbst Spams mir ein Quantum Trost

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Duell

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Extemporalien in Dosen oder: Schreiben aufs Geratewohl

Ich saß coronahalber auf meinen vier Buchstaben und ging in meinem Kopf fremd. Dort erschienen mir Sätze, die sich unaufgefordert vermehrten. Ich gab ihnen Nummern und doste sie ein

Dosis III

21 Nach dem Film kam mir ein Gedanke und ging gleich wieder ins Einerlei der gleichförmigen Stunden ein, wo er sich schnurstracks in Widersprüche verwickelte, ohne jedoch mich darüber aufzuklären, was mit all dem anzufangen wäre, wenn der letzte Cut misslingen würde

22 Eben noch ein vom Vögeln durchwirktes Licht, jetzt die handgreifliche Trostlosigkeit der leeren Laken. Ich sprenge keine Fugen mehr, der Saft ist vergärt. Im Abseits lauert die schwarze Witwe

23 Unter hängenden Wolken schleiche ich am Fuße des Wochenberges durch das Tal der Pflichten. Der Ball rollt wieder. Mir bleibt ein Rätsel im Anflug

24 Wer dünkt, er stehe ewig, mag wohl zusehen, wie er falle. Ein leichtes Beben zunächst, dann tiefes Absinken und unterseeische Stille, zuletzt ein landschweres Glied

25 Gebt mir eine exorbitante Explosion von Flieder oder ich reiße mir den Arsch auf und lasse eine verpestete Liebenswürdigkeit entweichen. Vielleicht kommt noch etwas besseres, später. Oder eben nicht

26 Ich ging hinaus und umarmte eine Frau mit bubenhafter Statur, die sich mitnichten zu befreien versuchte, vielmehr alles verlangte, was ich zu geben mir vorstellen konnte. Und so zertrümmerte ich ihre Marmorlippen und bekam ein heiteres Lachen zu hören ob der Wortbrocken, die vor uns auf dem Rasen stammelten, jenseits allen Sinns

27 Zuweilen bemerke ich, wie am helllichten Tag die schlaftrunkenen Lider ganz sachte sich schließen und nur noch Töne mich erreichen. Dann dämmre ich vor mich hin und werde zu einem Lauscher, der sich in einer Bürostadt wiederfindet und ein rätselhaftes Rauschen zu hören glaubt

28 Ätzende Teenietussies, die schief gewickelte Fragen stellen, während ich nach dem Wesen des Versprechers fahnde, denn nur er weiß um die schrägen Blicke, die ins Vielerlei der Visionen führen. Doch ein Fintenschleicher bin ich nicht

29 MissTrain, wo bleibt dein Zahnersatzlächeln? Das Klappergestell vögelt selten, die Nuten halten dem nicht stand. Und du hasst Zungenkussmundgeruch! Unter meinem Hemd döst der Nabel

30 Müde vom Gestern und mit einem Schleier vor den Augen findet mich die Ruhestatt erst, als der Atem nur noch ein Gastspiel gibt. Langsam wächst ein Segel mir ans Herz

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Pfingsten

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